In der gegen die Bildungsphilister seiner Epoche gerichteten unzeitgemäßen Betrachtung Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben führt Friedrich Nietzsche den Begriff der „Effekte an sich“ ein. Für Nietzsche sind die “Effekte an sich” das Kriterium der monumentalischen Historie. Diese ist von eigentümlicher Attraktivität für solche Individuen, denen die Last des Daseins in der Gegenwart nur zu ertragen ist, wenn sie sich daran erinnern dürfen, dass es große Menschen mit großen Ideen und eben so großem Schaffensdrang gegeben habe. Er denkt an die Caesars, die Goethes, die Newtons. Weil es die Weltgeschichte einmal vermocht habe, solche welthistorische Individuen und ihre großen Taten hervorzubringen, sollte dies auch jederzeit wieder möglich sein.
Diese verbreitete Denkweise - so erkannte Nietzsche richtig - leidet unter einer sträflichen Vernachlässigung der Kategorie der Ursache. In dieser Vernachlässigung entsteht die Vorstellung von Effekten an sich. Sie entstehen, scheinbar aus dem Nichts. Jedenfalls ist der Mensch besessen von dem Glauben, dass er sie jederzeit selbst hervorbringen könnte. Er müsse nur ausreichend wollen.
Effekte an sich sind die von ihren Ursachen losgelösten Resultate. Sie scheinen sich souverän verschieben zu lassen. Als eine Ansammlung einzelner großer Taten und Ereignisse könne man sie festhalten, wie eine bare Münze einstreichen und nach Belieben wieder ausgeben. Es scheint, als seien sie unverursacht - nur hervorgebracht, von tatkräftigen Individuen, die sich spontan zu Großem entschlossen haben.
Nietzsche erkannte auch, dass die Vorstellung solcher Effekte an sich, solcher unverursachter Ursachen, für die Menschen einen unendlichen Nutzen haben. Dies verkennen viele Leugner des freien Willens der Menschen in Geschichte und Gegenwart. Sie übersehen, dass der Mensch die Einsicht in seine Bedeutungslosigkeit nicht ertragen kann. Sein Narzissmus sagt dem Menschen, dass er kann, wenn er nur will. Und was er will, sei nicht der Effekt am Ende einer Kausalkette, sondern die notwendige und hinreichende Bedingung für Effekte an sich. Indem der Mensch Effekte an sich hervorbringt, stärkt er seine Illusion einen freien Willen zu besitzen.
Freiheit bestimmte Immanuel Kant als die Fähigkeit, einen Vorgang von selbst anfangen zu können. Was demnach als Folge dieser Wirkung von Freiheit entsteht, sind Effekte an sich. Sie verdanken sich keiner Ursache, sondern der Wirkung einer qualitas occulta, einer Kraft, deren Herkunft und Stärke sich nicht aus vorhandenen Kräften ableiten und bestimmen lasse. Daher entziehe sie sich dem Licht der Ursachenforschung. Stets kommt also in dieser Illusion ein in Größe, Stärke und Richtung unbestimmbarer Aspekt der Freiheit zu einer menschlichen Handlung hinzu.
Einem Menschen, dem eine philosophische oder eine naturwissenschaftliche Theorie zumutet, seine Handlungen nicht mehr als Effekte an sich verstehen zu dürfen, fügt dem Individuum eine unzumutbare Kränkung zu. Denn das Individuum soll sich damit abfinden, dass es nicht gottähnlich sei. Wenn wir in unserer Gegenwart immer wieder hören, dass es unredlich sei, den freien Willen zu leugnen, dann hängt dies mit dem - meist unbewussten - Wunsch des Menschen zusammen, gottähnlich sein zu können.
Aristoteles hatte weise erkannt, dass ein treffender philosophischer Begriff für Gott der “Unbewegte Beweger”, oder die “unverursachte Ursache” sei. Allen Vorstellungen von Gott entspricht es noch heute, Effekte an sich hervorbringen zu können. Nichts weniger als das gesamt Universum ist aus der Sicht des frommen Christen oder Moslems ein solcher Effekt an sich. Denn aus freien Stücken, ohne Zwang oder an eine andere Naturnotwendigkeit gebunden gewesen zu sein, hatte Gott die Welt erschaffen. Zu seiner Macht und seiner Verfügungsgewalt über Freiheit gehörte es immer schon, die Schöpfung auch unterlassen haben zu können.
Die größte Kränkung des Narzissmus der Menschen war es stets, wenn er Angst haben musste, nicht gottähnlich sein zu dürfen. In der Vorstellung vom freien Willen erlebt der Mensch diese Gottähnlichkeit am stärksten. Denn er kann sich denken, dass eine Handlung nur dadurch zustande gekommen ist, dass sein freier Willensentschluss die Handlung in die Wirklichkeit gesetzt habe. Aber die Vorstellungen von Gott lassen sich in der Gegenwart weniger und weniger verteidigen. Nirgendwo mehr darf der Mensch in der aufgeklärten Welt noch an seine Gottesähnlichkeit glauben, wenn nicht in der Vorstellung vom freien Willen. Nur unter der Bedingung, dass eine Handlung sich nicht vollständig in der Kette von determinierenden Bedingungen einfügt, ist diese Vorstellung der Gottesähnlichkeit des Menschen noch zu retten.
Daher sollten wir verstehen, warum weder philosophische Theologen noch theologische Philosophen in unserer Gegenwart bereit sein können, die Vorstellung von einem freien menschlichen Willen zugunsten einer wissenschaftlich einwandfreien Beschreibung des Zustandekommens einer menschlichen Handlung aufzugeben. Erst wenn ein gleichwertiger Ersatz von Naturwissenschaftlern angeboten wird, ist ein Fortschritt der Erkenntnis zu erwarten. Auch Naturwissenschaftler dürfen den Menschen nur sagen, wie es wirklich um ihn bestellt ist, wenn sie ihm die Möglichkeit lassen, groß von sich zu denken.
Denn wie soll der Mensch den Mut und die Kraft aufbringen, Großes zu leisten, wenn er sich dabei nicht mehr selbst groß fühlen darf? Groß für den Menschen aber sind seine Effekte an sich: unter gleichen Bedingungen wären sie niemals entstanden, wenn nicht das einzigartige, unverursachte und unerzwungene „Ich will es“ sie in die Welt gesetzt hätte.
Natürliches und Übernatürliches
29.09.08
Die Bereitschaft zur Unwissenheit - Ein Nachwort zur Papst-Euphorie
Wahrheitsfreunde
In seinem berühmten Dialog Über Religion legt Arthur Schopenhauer dem Wahrheitsfreund Philalethes die folgenden Worte in den Mund: „Denn, du weißt es, die Religionen sind wie die Leuchtwürmer: sie bedürfen der Dunkelheit um zu leuchten. Ein gewisser Grad allgemeiner Unwissenheit ist die Bedingung aller Religionen, ist das Element, in welchem allein sie leben können. Sobald hingegen Astronomie, Naturwissenschaft, Geologie, Geschichte, Länder- und Völkerkunde ihr Licht allgemein verbreiten und endlich gar die Philosophie zum Worte kommen darf…“ Betrachten wir einmal das Bündnis der katholischen Kirche mit der Unwissenheit des Volkes und fragen uns, ob auch die katholische Religion noch heute auf jenen „gewissen Grad an allgemeiner Unwissenheit“ setzt und ob wir es uns heute in einem von Pisa-Studien gebeutelten Bildungsklima noch leisten können, mit Absicht Unwissenheit zu verbreiten?
Das Verwischen von Spuren der Wissenschaft ist nach wie vor eine wirkungsvolle Strategie, um den Weg zum Glauben rein zu halten. Die Strategie der Gelehrten der katholischen Kirche hat sich in ihrer zweitausendjährigen Geschichte nicht verändert und beruht auf der einen Voraussetzung: Die Aussagen des Glaubens, die Verkündigungen der Offenbarung werden als Aussagen mit mindestens demselben Wahrheitswert betrachtet, wie Aussagen über unsere natürliche Welt. Ja, es wird überdies vorausgesetzt, dass die zu glaubenden Wahrheiten leichter zu haben sind, als die Wahrheiten, die Wissenschaft mühsam erarbeiten muss.
Religion und Magie
Die Gegenstände der Religion - vor allem diejenigen der katholischen Christen (Jungfrauengeburt, Wunderheilung, das leere Grab, Auferstehung des Fleisches, Transmutaton von Wein in Blut sowie von Brot in Fleisch und vieles mehr) - sind jedoch nicht von derselben Qualität wie die Gegenstände unseres alltäglichen Lebens. Damit katholische Lehre wirken kann, muss sie von jedem Gläubigen erwarten, dass er diese übernatürlichen Wahrheiten nicht mit demselben Maß misst, wie die natürlichen Wahrheiten, und dass er das Maß für übernatürliche Wahrheiten für wichtiger hält. Besser noch ist es, wenn der Gläubige den Unterschied vollkommen verwischt.
Die Last der Ethik
18.09.08
Überlegungen zur gelingenden Kommunikation zwischen Ethik und Ökonomie
Ein vieldeutiger Begriff
„Ethik“ ist kein Begriff, der etwas Einheitliches bezeichnet. Es gibt viele Ethiken. Was wir unter „Ethik“ verstehen, hängt in erster Linie davon ab, ob wir ein ohne Einschränkungen arbeitendes Gehirn besitzen (eine Unterversorgung des Präfrontalcortex ist bei allen zur Gewalt neigenden Menschen zu beobachten). Ist die Hardware in Ordnung, hängt unser moralisches Verhalten und wie wir es durch Ethik rechtfertigen, davon ab, wo und wie wir Ethik und Moral kennen gelernt haben - in der Familie, auf der Straße, in der Kirche, an einem bestimmten philosophischen Institut einer Universität, in einer Interessengemeinschaft, in der Praxis gelebter Werte eines Unternehmens oder anderswo.
Im Rahmen einer Unternehmensethik scheint „Ethik“ jedoch in einem eindeutigen Sinn gebraucht zu sein. „Unternehmensethik“ erweckt den Anschein, als sei immer schon klar, was jeder unter „Ethik“ zu verstehen habe, und es gelte allein, die allgemein anerkannte Sache jetzt auf das Unternehmen zu übertragen. Diese Wahrnehmung ist falsch. Der Begriff erweckt den Eindruck es gebe nur eine Ethik und es sei das, was „Unternehmensethik“ beinhalte, stets auch dasjenige, was Unternehmer haben wollen oder müssen.
Dr. Klaus-Jürgen begründet, warum für Führungskräfte Philosophisches Wissen von hoher Bedeutung ist und er Vorlesungen für Führungskräfte anbietet.
Sprechen mit Denken verbinden
„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“, schrieb Ludwig Wittgenstein vor knapp einhundert Jahren. Im Zeitalter der Globalisierung gibt es kaum mehr Grenzen der Welt. Wie aber wie steht es mit unserer Sprache?
Unsere Sprache bleibt hinter dem Anspruch, Grenzen zu beseitigen, weit zurück. Sie erinnert an urtümliches Verlauten und ist oft gerade noch tauglich, Befehle zu erteilen, Informationen weiter zu geben, Mut oder Unmut zu bekunden. Wer von uns verfügt über eine unverbrauchte Sprache, die präzise ausspricht, was wir denken? Wo sind die Worte, die Gedanken tragen? Welche Worte sind es wert sind, gedacht werden? Wie oft erleben wir dagegen haltloses Reden, das sich abgelöst hat von allem Denken?
Wir überlassen es zu oft dem Zufall, ob die Verknüpfung zwischen Denken und Sprechen gelingt. Auch wissen wir zu wenig über die Methoden, nach denen wir Gedanken entwickeln. Vielen von uns fehlt die Fähigkeit, sich auf eine länger Abfolge von Gedanken zu konzentrieren. Was bedeutet es, ein starkes Argument von einem schwachen zu unterscheiden? Erkennen Sie leicht, wann ein Gedanke widerlegt ist?
Wenn wir philosophische Bücher lesen, gewinnen wir schnell den Eindruck, als schrieben ihre Autoren über unwirkliche Welten, die mit Lebenswirklichkeit und Praxis nichts zu tun haben. Dieser Eindruck ist falsch. Die vielfach zu beobachtende Abgehobenheit akademischer Sprache ist nicht der Ausdruck einer anderen Welt. Sie ist vielmehr die verzerrte Abbildung derjenigen Wirklichkeit, in der wir leben. Es ist die Wirklichkeit, in der die Sprache allseits abgelöst ist von Leben, Handeln und Denken. Der moderne Mensch, der sein Wesen durch Empfang und Weitergabe von Informationen prägt, spricht in seiner Sprache sich selbst als Bestandteil eines Informationssystems aus. Weil aber der Mensch kein Glied eines reinen Informationsweitergabesystems ist, erlebt er sich selbst oft als Fremder in einer Welt, zu deren Erhalt er beiträgt.
Religion oder Vernunft
01.08.08
Es wird seit der Rede des Papstes in der Regensburger Universität vermehrt über die Vernünftigkeit des christlichen Glaubens gesprochen. Es war schon ein Thema der katholischen Gelehrten in der Scholastik, sich der Vernünftigkeit des Glaubens zu versichern. Zwischen uns und der scholastischen Vernunft liegt aber die Epoche der Aufklärung mit ihrem kritischen Vernunftbegriff, die wir nicht einfach ungeschehen machen können. Es mag nicht nur Theologen wie Joseph Ratzinger und Robert Spaemann missfallen, dass Kant der Vernunft Grenzen gesetzt hat. Aber wir müssen uns fragen, ob wir uns von diesem Missbehagen leichtfertig leiten lassen und die Trennung zwischen Vernunft und Glaube wieder aufheben dürfen.
Vernunft beschreibt den Rahmen des im Hier und Jetzt Erkennbaren. Glaube dagegen bezieht sich auf Jenseitiges, Übernatürliches und auf solche Dinge, die nicht in der selben Weise erkannt werden wie die schlichten Gegenstände der natürlichen Welt. Die leichtfertige Rede, dass die Inhalte des Glaubens und die Hoffnung auf eine paradiesische Erlösung – wenn es nur der rechte Glaube ist – mit Sicherheit wiedergeben, was die Wahrheit des Gottes und seines Reiches sind, dient nicht allein der Sinnstiftung des Menschen, sondern sie kann ebenso – fundamentalistisch gewendet – zum gefährlichen Sprengstoff werden. Die Herausforderungen der Globalisierung haben einmal mehr die Gefährlichkeit fundamentalistischer Religionen zutage gefördert. Größte Gefahr für den Weltfrieden stellt derzeit das Vermischen von politischen sowie vernünftigen Interessen mit religiösen Erwartungen dar. mehr »
Geschundene Freiheit
12.07.08
Was bringt Menschen dazu, wie aus heiterem Himmel in eine Universität einzudringen und Dutzende von Kommilitonen zu erschießen? Warum rasten Eheleute nach dreißig Jahren Ehe ohne sonderliche Vorfälle plötzlich aus und erschlagen ihren Partner? Wie kommt es, dass unauffällige brave Männer in Ihrer Nachbarschaft eines Morgens als brutale Triebverbrecher enttarnt werden? Antworten auf diese und ähnliche Fragen setzen ein hohes Maß an empirischen Kenntnissen voraus. Wir müssen wissen, wie die Täter aufgewachsen sind, welche Schulbildung sie haben, ob sie im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte waren und vieles mehr. Mit diesem Wissen können wir daran arbeiten, ähnliche Verbrechen künftig zu vermeiden und zu ermessen, ob ein Straftäter wird lernen können, die Normen der Gesellschaft zu achten oder nicht.
Je mehr wir über diese ursächlichen Faktoren herausfinden, um so fraglicher erscheint uns eine Forderung, die insbesondere konfessionell gebundene Theologen und Innenpolitiker der Philosophie einklagen. Sie behaupten nämlich, zu den bekannten und unbekannten empirischen Faktoren, die zum messbaren Auslöser einer Handlung werden können, müsse noch ein nicht-empirischer, nicht-messbarer, aber notwendiger und wesentlicher Faktor hinzu kommen: der freie Wille zur Selbstbestimmung. mehr »
Die reinigende Kraft der Sünde
25.06.08
Wir begrüßen in IF-BLog Dr. Klaus-Jürgen Grün (KJG). Hier sein erster Beitrag!
„Es ist in der Welt nicht schwer zu bemerken, daß sich der Mensch am freisten und am völligsten von seinen Gebrechen los und ledig fühlt, wenn er sich die Mängel anderer vergegenwärtigt und sich darüber mit behaglichem Tadel verbreitet.“
Nicht vom gescholtenen Nietzsche stammt diese Einsicht in die Wirkungsmechanismen von Ethik und Moral, sondern vom liebsten Dichter der Deutschen, von Goethe. Freilich wird sie nicht gerne von Goethefreunden zitiert.
Denn Goethes Einsicht wirft ein ungewohntes Licht auf die im Zusammenhang mit der Zumwinkel- und VW-Affäre in diesen Tagen häufig gestellte Frage: Ist das Verhalten vieler deutscher Manager noch moralisch zu rechtfertigen? Aus der Sicht Goethes lautet die Antwort: „Ja“.
Eine „ziemlich angenehme Empfindung“ nennt er es, wenn wir uns durch „Mißbilligung und Mißreden über unsersgleichen“ erhöhen. Nichts gleiche der „behaglichen Selbstgefälligkeit, wenn wir uns zu Richtern der Obern und Vorgesetzten, der Fürsten und Staatsmänner erheben“. Die Übeltäter im Management erweisen nach dieser Auffassung dem moralischen Empfinden im Volk sogar einen großen Dienst. Stellvertretend für unsereins verhalten sie sich unredlich; und stellvertretend für uns stecken sie die Prügel dafür ein. Unser moralisches Empfinden benötigt von Zeit zu Zeit ein Objekt, über das es sich ergießen darf. So stillt es unseren Hunger nach guten Taten, ohne dass wir sie selbst vollbringen müssen.
Die Versuchung, der einige der Reichen, Schönen und Mächtigen des Landes im großen Stil verfallen sind, kennt der einfache Bürger im kleinen Leben nur zu gut - Unehrlichkeit bei der Steuer, Motivationshilfen im Sinne von Bestechung, Lustreisen auf Firmenkosten. Wer ist frei von der Versuchung, Gelegenheiten - wenn sie sich bieten - zu ergreifen? Und welche Lust bleibt demjenigen, der der Versuchung widersteht, und sei es noch so schmerzhaft für ihn? Ihm wird die Katharsis zuteil, das reinigende, angenehme Gefühl, Missbilligung gegenüber dem Menschen aussprechen zu dürfen, dem man in kaum einer Hinsicht das Wasser reichen kann.
„Der Klügere gibt nach“, heißt ein bekanntes Sprichwort, das das Erlebnis der Ohnmacht im Handumdrehen in eine Geste der Herrschaft verwandelt. Welch eine Befriedigung für den Narzissmus bedeutet es, wenn wir aus eigener Schwäche heraus gezwungen sind nachzugeben, aber dem anderen wie uns selbst einreden können, es sei vom Standpunkt vermeintlich höherer Macht - der Macht der Klugheit - aus geschehen.
Die Tabubrecher des Volkes leisten einen Dienst am moralischen Empfinden der Masse, indem sie ihr die Möglichkeit verschaffen, sich gut zu fühlen.
Nicht die Übeltäter allein repräsentieren das Verkehrte unserer Gesellschaft. Es gibt nämliche kein richtiges Leben im falschen, wie Adorno sagte. Das Verkehrte und Falsche liegt schon in der Doppelmoral des Volksempfindens. Von Zeit zu Zeit benötigt es die Sündenböcke, auf die es mit dem moralischen Finger zeigen darf, um sich selbst eine „ziemlich angenehme Empfindung“ zu verschaffen. Im „behaglichen Tadel“, von dem Goethe in Dichtung und Wahrheit spricht, reinigen wir uns von den kleinen Versuchungen und Sünden, indem wir sie den Großen und Mächtigen ausprügeln dürfen.
Klaus-Jürgen Grün wird ab sofort regelmäßig in IF-Blog veröffentlichen. Vielen Dank!


