Seit einem halben Jahr darf ich bei Manage&More mitmachen, einer Aktivität von unternehmerTUM. Ich übe mich dort in der Rolle eines Mentors und habe einen Mentee. Bis vor kurzem wusste ich gar nicht, was ein Mentee ist, mittlerweile bin ich selber ein Mentee und zwar in Sachen Wikipedia. Das ist aber eine andere Geschichte.

Mein Mentee heißt Michael, er passt also auch vom Namen gut zur Überschrift. Michael ist ein sympathischer und authentischer Typ, früher hätte man gesagt, “einer mit dem man Pferde stehlen gehen kann”. Alle 4 - 6 Wochen treffen wir uns und sprechen über ein vorher vereinbartes Thema. Mal berichtet der eine und der andere spiegelt und fragt nach und mal machen wir das anders herum. So lernen wir voneinander einiges. Zum letzten Treffen hat Michael mir eine E-Mail gesendet: “Lass uns doch mal über Motivation sprechen!?” Das Thema hat mich angesprochen. Denke ich doch oft selbst genug darüber nach, wie meine Motivationslage so ist und warum ich für manche Themen gar nicht zu motivieren bin. Vorbereitet hab ich mich auf das Treffen zu erstmal mal, in dem ich - wie fast immer - den Begriff in Wikepedia gesucht habe. Da stand einiges zu Motivation drin. Ich habe es ausgedruckt, es waren 13 Seiten - und in der Tat war kaum etwas Falsches oder wirklich Unwichtiges dabei.

Michael wollte über Motivation mit mir sprechen, weil ihm in einem Feedback-Gespräch zurück gemeldet wurde, dass er ab und zu in Besprechungen seine Unlust zu gewissen Themen nicht verbergen könne und durch dieses “Fehlverhalten” die anderen Teilnehmer der Besprechung demotivieren würde. Und wie alle anständigen Menschen hat er zuerst die Schuld bei sich selbst gesucht. Aber Heucheln ist nun mal gar nicht so sein Ding.

Die spannende Frage war: Was soll man machen, wenn man in einer Besprechung an einem Thema mitwirken muss, das einem völlig unsinnig erscheint, man aber aus irgendwelchen Sachzwängen dabei sein muss. Ich glaube, das passiert uns allen hin und wieder - und wahrscheinlich in größeren Organisation noch häufiger als in kleinen.

Soll man dann heucheln, das Desinteresse verbergen und einfach aufs Tempo drücken, damit die grausame Besprechung schnell zu Ende geht und man sich dann ganz schnell wieder seinen wichtigen und geliebten Aufgaben widmen kann? Oder soll man den anderen Beteiligten ehrlich sagen, das man das Thema für nicht relevant hält, die eigene Beteiligung deswegen eh nicht zielführend wäre und dann die Besprechung mit einem freundlichen “Das könnt Ihr ohne mich ja eh viel besser, ruft mich an, wenn ihr das Thema durch habt!” verlassen?

Eine andere Idee: Man könnte sich auch das ungeliebte Thema zu eigen machen und sich die Frage stellen, welche Bedingungen denn erfüllt sein müssten, damit man es selber auch für sinnvoll erachten kann? Dann würde man sicher gute Argumente finden, die man trefflich einsetzen könnte oder die aber den eigenen Standpunkt verändern würden.

Wenn man aber wirklich der Meinung ist, dass das Thema absoluter Blödsinn ist, dann müsste man doch die Zivilcourage aufbringen, dies zu formulieren und einen innovativen Verbesserungsvorschlag zu machen - auch wenn man vor der Macht von entpersonalisierten und sich verselbstständigten Systemen resigniert hat und keine Chance sieht, etwas positiv zu wenden.

Wie man sieht, das Problem ist nicht einfach. Ich glaube, dass Heucheln und “Gute Miene zum bösen Spiel machen” die schlechteste Empfehlung ist.

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Vor gut einem Jahr wurde mir ein junger Doktor der Mathematik aus guter Quelle sehr empfohlen, der von der Universität in die freie Wirtschaft wechseln wollte. Natürlich habe ich ihn sofort zu einem Gespräch eingeladen. So habe ich die Bekanntschaft eines jungen Mannes gemacht, der so ziemliche alle Talente hatte, die man sich vorstellen kann: Sympathisch, selbstbewusst, vertrauenswürdig, verbindlich, hoch intelligent, kompetent, zielorientiert und sichtlich mit guter Allgemeinbildung. Er konnte genau zu hören und war präzise in seinen Aussagen. Er verstand klug fachliche und vertriebliche Themen abzuwägen, sprach perfekt Englisch und sah auch noch gut aus. Wenn er einen Nachteil hatte, dann den dass er mit 29 Jahren nicht mehr so ganz jung und an Erfahrungen noch ziemlich “grün” war. Studium, Doktorarbeit und dann noch ein Jahr an der Uni, das kostet halt auch Zeit.

Allerdings hatte er außer LaTex und ein wenig Office keine IT-Erfahrung (sein Nebenfach war Physik, da schien er sehr beschlagen zu sein). Da ihm unser Unternehmen empfohlen wurde, wollte er die InterFace auch gerne kennen lernen und unser Unternehmen hat ihm gut gefallen. Trotzdem stellte sich schnell heraus, dass seine Zukunftspläne und unser Bedarf nicht zusammen passten. Trotz seiner vielen Qualitäten hätte es einige Zeit gebraucht, um aus ihm einen qualifizierten IT-Berater zu machen. Er wiederum wollte ein “richtiger” Unternehmensberater werden und nicht in die IT gehen. Da wir uns gut verstanden, blieben wir eine Zeit lang in Kontakt.

So habe ich erfahren, dass er (wohl aufgrund seines Alters) bei den Unternehmensberatungen wie McKinsey oder BCG nicht zum Zuge kam. Dafür gelang es ihm, bei einem kleinen Finanzdienstleister mit einem ganz “innovativen” Produkt unterzukommen. Und sein Gehalt dort war ungefähr 2,5 mal so hoch wie das, was ein Berufsanfänger bei einem Informatik-Unternehmen verdienen kann. Ich habe mich dann erkundigt, wie die Gehaltsstrukturen für universitäre Berufsanfänger aussehen und ich musste lernen, dass junge “Highperformer” tatsächlich bei den Unternehmen, die jetzt unter den Milliarden-Schutz-Schirm der Bundesregierung flüchten, Startgehälter erreichen, die 2 - 3 Mal so hoch sind, wie das eines guten Informatikers oder Ingenieurs. Bei den berühmten Beraterfirmen ist nach meinen Kenntnissen “nur” das 1,5 bis 2 Fache drin.

Allerdings musste er bei seinem neuen Arbeitgeber dann an sechs Tagen eher 14 als 12 Stunden arbeiten. Und als Dankeschön sind sie dann auch gelegentlich am Samstag auf Kosten des Unternehmens kurz mal nach London geflogen und haben dort beim prominenten Abendessen einen besonders guten Abschluss gefeiert.

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Wie meinen Zuhörern (und dem Veranstalter) zugesagt, hier eine Zusammenfassung meines Vortrages in Kurzform:

Ich habe den Vortrag in drei Themenbereiche gegliedert:

1) Entwicklung von Technologien vom Beginn der Menschheit bis heute!

Seit es Menschen gibt, haben sie Techniken und Technologien entwickelt. Um die Entwicklung von Technologie zu diskutieren, habe ich menschliche Entwicklungen dem Kriterium ihrer Zweckhaftigkeit folgend in zwei Bereiche eingeteilt: Technologien für den Körper und Technologien für den Verstand.

Technologien für den Körper umfassen so alle Entwicklungen, die der Ernährung (”Fressen und Saufen”), des Reduzierens von körperlicher Anstrengung (”Faulheit”), Schützen des Körpers vor Kälte oder Nässe, Bewahren der körperlichen Gesundheit, der Vermehrung bzw. Vermeidung von Vermehrung (Sexualität), der schnellen Fortbewegung (Mobilität), der Entwicklung von Herrschaft und ähnlichem dienen.

Hier sind beispielhaft zu nennen: Jagd, Ackerbau und Viehzucht, Waffen, Feuer, das Rad, Fahrzeuge, Medizin, Schiffe, Fahrrad, geschlossenes Feuer, Lichtquellen, Kraftmaschinen, Automobil, Eisenbahn, Beherrschung der Elektrizität, Flugzeug, Chemie, Pharmazie, Kernspaltung und vieles mehr. Ich habe diese Disziplinen die “Allgemeinen Technologien” genannt.

Technologien für den Verstand umfassen alle Entwicklungen, die dem Erzeugen, Bewahren, Verbreiten und Verarbeiten von Informationen und Ähnlichem dienen. Beispielhaft sind hier: die Entwicklung von Sprache, Bildern und Schrift, Buchdruck, Datenübertragung, Rechenstab, Kurzschrift, Morse-Alphabet, Kabelübertragung, Telefon, Telex, Funk, Rechenmaschine, Schreibmaschine, Schallplatte, Radio, Fernsehen, diverse Aufzeichnungsgeräte, Computer, E-Mail, Internet. Diese Disziplinen habe ich unter dem Begriff der “Informatik” zusammen gefasst. Besonders wichtig waren mir die Begriffe “Digitalisierung” und “Virtualisierung”.

Ordnet man die Entwicklung all dieser Technologien auf einer Zeitachse an, stellt man eine ungeheure Beschleunigung (E-Funktion??) der technologischen Entwicklung fest. Man erkennt auch, wie die “Informatik” die Entwicklung der “Allgemeinen Technologien” vorangetrieben hat. Ohne Buchdruck wären die Technologiesprünge der Neuzeit unmöglich gewesen, ohne mechanische Rechenmaschine hätte keine Atombombe entwickelt werden können und was ein “WEB2″ bringen wird, können wir nur erahnen.

Die gewählte Darstellung lässt einen zweiten wichtigen Aspekt vermuten: Die Entwicklung von relevanten Fortschritt verläuft immer von “unten nach oben”, eigentlich im Sinne eines “automatischen” Prozesses der demokratischen Meinungsbildung und Ziel-/Regelfindung. Dies gilt für die Entstehung von Sprache, Schrift und Mathematik wohl genauso wie für Wikipedia.

2) Zitat von Bertrand Russell

Teil 2 des Vortrages habe ich auf einem Zitat von Bertrand Russel aufgebaut:

Jeder Zuwachs an Technik bedingt, wenn damit ein Zuwachs des menschlichen Glücks verbunden sein soll, einen entsprechenden Zuwachs an Weisheit!

Russel war nicht nur ein bedeutender Mathematiker und Philosoph des letzten Jahrhunderts, sondern auch eines der großen Idole unserer Jugend. Wenn wir seinem Zitat folgen und davon ausgehen, dass der Zuwachs an Weisheit beim Menschen z.B. seit Goethe nicht wesentlich stattgefunden hat, dann könnte man zu dem Schluss kommen, das der Zuwachs an Technologie das Glück der Menschen nicht mehrt. So kommt die Ethik ins Spiel. Vielleicht hilft ethisches Verhalten das “lag” zwischen Technologie und Weisheit ein wenig zu verkleinern.

3) Überlegungen zur Ethik von Managern

Schwerpunktmäßig habe ich über die Ethik der Entscheidung gesprochen. Führungskräfte (sogenannte Manager) befinden sich in einem großen Dilemma: Sie sollen in ihren Entscheidungen Ziele sinnvoll vereinen, die sich massiv widersprechen. Gewünscht wären jetzt sittlich verantwortete und nach sorgfältiger Güterabwägung getroffene Entscheidungen. Leider ist dies aber schwer und erschwert schnelle Entscheidungen. Deswegen behelfen sich viele Manager und Systeme und erleichtern sich die Entscheidungsfindung, in dem sie einen Trick anwenden:

Das geht ganz einfach. Man muss nur die Anzahl der zu vereinenden Ziele reduzieren, am besten auf ein einziges. Dies vereinfacht das Manager-Leben ungemein, ist aber als höchst unethisch zu bewerten und führt fast immer zu unteroptimalen Entscheidungen mit langfristig massiv negativen Folgen. Zwei Beispiele seien hier genannt. Ganz aktuell erleben wir die Weltfinanzkrise: Das singuläre Prinzip des Shareholder Value hat Profit im Bereich der Hochfinanz unisono als einziges Ziel festgelegt. Und dies hat eine Krise von gigantischem Ausmaß bewirkt. Und alle von Analysten getriebenen Unternehmen sind gefolgt - und ändern ihr Verhalten auch heute nicht, obwohl man es jetzt wirklich gelernt haben sollte! Demnächst in diesem Blog gibt es dazu noch ein oder mehr Beispiele.

Doch auch die Titanic musste untergehen, weil der Kapitän den Auftrag hatte, auf der Jungfern-Fahrt das “Blaue Band” zu gewinnen - und dieses Ziel hat er äußerst gewissenhaft befolgt.

RMD

P.S.

Meinen Zuhörern ein herzliches Danke für die vielen Beiträge in der Diskussion nach dem Vortrag.

Wenn ich hier auch über “G8″ schreibe, dann meine ich nicht die Damen und Herren, die sich auf den Weltwirtschaftsgipfeln zu siebt (dann heißt es allerdings G7) oder acht treffen, ein schönes Gruppenfoto machen und nebenher die Welt retten, mal vor der Klimakatastrophe und dann wieder vor der Weltfinanzkrise. Als Ergebnis hören wir schöne Worte oder hohe Zahlen. Die bei vielen Menschen um sich greifende Staatsverdrossenheit wird durch solche Treffen zwar auch nicht besser. Trotzdem sind wir froh, wenn sich die Staatsfrauen und -männer der reichen Länder treffen, denn so lange sie miteinander reden, sind kriegerische Problemlösungen weniger wahrscheinlich.

Nein, in diesem Artikel schreibe ich über Schule und Bildung. Die folgenden Sätze schicke ich voraus, um zu belegen, dass ich als Vater von sieben Kindern tatsächlich “Go to Gemba” (Kaizen) gemacht habe: die Grundschule habe ich sieben mal erlebt und die Entwicklung am Gymnasium von 1990 bis heute verfolgt. Zwischenzeitlich waren fünf meiner Kinder gleichzeitig am selben Gymnasium und haben dann mit Abitur abgeschlossen. Der sechste macht gerade Abitur und das Nesthäkchen ist im Gymnasium in der zweiten Klasse. Jetzt kommen ganz frische Erfahrungen mit dem G8 dazu. Einblick in die Entwicklung an den Hochschulen gewinne ich in Bewerbungsgesprächen wie auch durch meine Familie. Zwei meiner Kinder haben ihr Studium erfolgreich beendet, einer davon schließt gerade seine Doktorarbeit ab. Auch die anderen sind nahe am Abschluss oder gut im Studium unterwegs. So konnte ich zahlreiche Erfahrungen mit Schule und Hochschule miterleben.

Das Erstaunliche: Irgendwie haben das alle meine Kinder schulisch und später im Studium und beruflich ganz gut und ziemlich eigenständig gemacht, obwohl sie in der Grundschule nicht immer als unbedingt tauglich fürs Gymnasium eingestuft wurden. Wir hatten regelmäßig Stress mit dem Übertrittszeugnis. Es gab in der letzten Klasse der Grundschule immer Klassenkameraden, die von einem Team von Nachhilfe-Lehrern trainiert wurden wie sonst nur Hochleistungssportler und die Hürde “Übertritt” mühelos zu schaffen schienen. Ein paar Jahre später sind sie gescheitert, wie auch andere, die uns schon im einstelligen Lebensalter wie Karikaturen von Erwachsenen vorkamen. Da war dann bei den Mädchen als Hobby “Shopping” angesagt, die Buben unterhielten sich darüber, wie man mit Aktien auch ohne Arbeit reich werden könne. Man muss wissen, bei uns in der Gegend gibt es kaum Kinder mit “Migrationshintergrund”, hier leben die eher “besseren Kreise”.

Was könnten die Ursachen sein? Meine Theorie ist: Menschen werden körperlich immer früher und geistig immer später reif. Ein Grund für diese Entwicklung ist, dass die Kinder in unserer Erwachsenen-Gesellschaft nicht mehr lange genug Kind sein dürfen. Zu früh werden sie zu kleinen Erwachsenen gemacht. Kinder brauchen aber Zeit zum “Ausreifen”. Sie müssen eine Chance haben, die Lust am Lernen und Wissen aus eigenem Antrieb heraus entwickeln zu können. Wenn man das erreicht, dann ist der weitere Bildungsweg ganz einfach. Deshalb war das Anliegen von Barbara und mir, unseren Kindern möglichst lange die Kindheit zu bewahren. Von der Grundschule bekamen wir dann zu hören, dass unsere Kinder  “zu verspielt”, “zu verträumt”, “zu wenig ehrgeizig” seien oder “keine Leistungsbereitschaft hätten” (oder anderen Blödsinn).

In der Grundschule wird ein vorgegebenes Leistungssystem mit eigenartigen Benchmarking-Ritualen von manchen Lehrkräften oft sklavisch angewendet. Hier muss die Reform des Schulsystems ansetzen, beim Verständnis für die Kinder. “Unsere” Grundschule entwickelte sich dagegen über die Jahre von einem Hort des Lernens zu einer sich selbstdarstellenden Schicki-Micki-Institution. Der erfahrene Pädagoge als Schuldirektor wurde pensioniert, die neue Leitung sprach von “modernem Management” und krempelte alles nach dem Motto “außen hui, innen pfui” um. Der Schein wurde wichtiger als das Sein, nach oben galt es zu buckeln, nach unten wurde getreten. Aber das gibt es ja auch woanders.

Für die Lehrer war und ist es auch nicht einfach. Ein Lehrplan mit ganz anderen Reformversuchen wie Rechtschreibreform oder neues Multiplizieren fordert seinen Tribut. Viele verwöhnte Einzelkinder, oft einsame Opfer der Wunschprojektionen ihrer Eltern, sitzen in den Klassen und langweilen sich. Morgens werden sie von Luxuslimousinen vor der Schule ausgespuckt. Die Eltern haben bedingt durch ihr ach so stressiges Leben kaum Zeit für ihr sonst so vergöttertes Kind und kompensieren dies mit Geld. Und in der Sprechstunde werfen sie dann beim Lehrer ihre ganze Wichtigkeit in die Waagschale.

Die Gymnasien wurden schon reformiert. Bekommen haben wir ein hastig beschlossenes und auch schon nachgebessertes G8. Es wurde eingeführt, weil unsere Absolventen im internationalen Durchschnitt zu alt werden. Schuld daran ist aber nicht das dreizehnte Schuljahr. Sicher habe ich das Abiturjahr immer als verkürztes Rumpfschuljahr erlebt (ein historisches Erbe aus der Zeit, als man die Wehrpflicht von W18 auf W15 reduzierte). Die Schüler wurden im Abiturjahr nicht mehr gefordert, der männliche Teil konnte sich schon mal auf die Gammelei vorbereiten, die im darauf folgenden Wehr- und häufig auch im Ersatzdienst stattfindet. Und dadurch geht ein Jahr verloren und der Wiedereinstieg ins Lernen muss auch erst wieder geschafft werden. Das gilt natürlich nur für die jungen Männer, die nicht “clever” genug sind, den Pflichtdienst zu vermeiden. Aber so ist das mit der Wehrgerechtigkeit, wie häufig im Leben ist nicht nur der “Ehrliche” sondern auch der “Ungeschickte der Dumme”.

Auch universitäre Reformen mit neuen Abschlüssen habe die Erwartungen nicht erfüllt. Mein verehrter Professor F.L. Bauer hat zu den neuen Universitäts-Abschlüssen Bachelor und Masters mal gesagt, dass sie von Menschen eingeführt worden sind, die die Begriffe toll fanden, aber nie begriffen hätten, was sie bedeuten würden. Studiengebühren wurden auch eingeführt, aber nicht durch Stipendien für sozial schwächere ergänzt. So verzichten offensichtlich Abiturienten aus Nicht-Akademiker-Familien immer mehr auf den Besuch der Unversität, was ja auch nicht Ziel sein kann.

So ist die Bildungspolitik kein Glanzstück unserer Politik. Widersprüchliche Forderungen werden gestellt, beliebige Aussagen gemacht, müde Kompromisse geschlossen. Es gibt keine übergreifende Strategie und kein Konzept, nicht einmal der Wille zu einer klaren Reform ist zu erkennen. Und das Thema wird zwischen Bundes- und Länderhoheit zerrieben.

Wir brauchen aber dringend ein förderndes und forderndes Bildungssystem, das Menschen Werte vermittelt, die Errungenschaften einer aufgeklärten und demokratischen Gesellschaft verteidigt und vor allem den Heranwachsenden die Chance gibt, ihr Leben eigenverantwortlich zum Gelingen zu bringen. Die Lehrer müssen wieder in die Lage versetzt werden, Autorität zu zeigen und Respekt zu lehren. Und selbstverständlich müssen wir unsere jungen Menschen befähigen, auch fachlich in einer nicht trivialen Zukunft überleben zu können. So brauchen wir klare und effiziente Ausbildungslinien, in sich homogen und konsistent, von der Grundschule ins Leben oder bis hin zur Universität, und dies ohne Unterbrechungen wie Wehrdienst oder Ersatzdienst!

Aber da sind wir dann bei besonders heiligen Kuh, der Wehrpflicht. Und über die sollte man auch reden, ohne Sachzwänge und ideologische Prägung. Mir hat man seinerzeit als W18 gelehrt, dass wir “unsere” Bundeswehr für die Verteidigung unserer Demokratie und Heimat (und unserer Frauen) bräuchten. Heute soll sie weltweit den Kampf gegen den Terrorismus führen und eh nicht befriedbare Länder wie Afghanistan befrieden (und vielleicht demnächst im Inneren eingesetzt werden). Damals war die Bundeswehr eine Massenarmee, durch die Wiedervereinigung musste sie deutlich verkleinert werden und soll eine Armee von Spezialisten sein. Passt das noch zu einer Wehrpflicht?

Die Hoffnung bleibt, dass mit dem Thema “6 Jahre Grundschule” in den Koalitionsverhandlungen zur Bildung der Bayerischen Regierung ein erster Grundstein für eine neue Bildungspolitik gelegt wird. Und Gymnasien und Hochschulen besser aufeinander abstimmt werden. Und wenn man im Sinne einer kontinuierlichen und effizienten Ausbildung dann auch noch gleich über die Abschaffung der Wehrpflicht nachdenken würde, wäre das wirklich schön!

RMD

Im Rahmen des

EAA-Kolloquiums „Aktuelle Entwicklungen in Technik und Wirtschaft“

des Lehrstuhls

Elektrische Antriebstechnik und Aktorik - Electrical Drives and Actuators

von

Univ.-Prof. Dr.-Ing. Dieter Gerling

halte ich am nächsten Donnerstag, den 23. Oktober, einen Vortrag mit dem Thema

Informatik und Ethik – Welche Technologie bestimmt die Zukunft?

In diesem Vortrag werde ich den Einfluss der Informationstechnologie (Informatik) auf die gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung unserer Zivilisation wie auch auf alle weiteren Technologien berichten und versuchen, das “Lag” zwischen technologischer Entwicklung und ethischer Verantwortung zu diskutieren.

Der Vortrag ist für Gäste frei zugänglich. Wenn möglich ist eine Anmeldung per Email bei Dr. Hans-Joachim Koebler hans-joachim.koebler@unibw.de oder mir roland.duerre@interface-ag.de wünschenswert. Nähere Informationen zum Lehrstuhl findet man unter http://www.unibw.de/EAA.

Als Referent freue ich mich natürlich persönlich auf viele Zuhörer.

Das Kolloquium findet immer am Donnerstag statt. Hier die Themen und Termine der diesjährigen Reihe:

09.10. 18:15 Dr. Brandes Siemens AG - Nürnberg

Energieeffizienz und moderne Antriebstechnik

16.10.  kein Vortrag

23.10. 18:15 Dürre InterFace AG - Unterhaching

Informatik und Ethik – Welche Technologie bestimmt die Zukunft?

30.10. 18:15 Dr. Bierbrauer Osram GmbH - München

Die Zukunft des Lichts gestalten

06.11.  kein Vortrag

13.11. 18:15 Römelt EADS (D) GmbH - Manching

More Electric Aircraft – Elektrische Grundsysteme

20.11. 18:15 Hornickel Volkswagen AG - Wolfsburg

Innovative Antriebstechnologien bei Volkswagen

27.11. 18:15 Schindler Ludwig-Bölkow-Systemtechnik GmbH - Ottobrunn

Peak Oil und die Folgen

04.12. 18:15 Dr. Friedrich Daimler AG - Stuttgart

Anforderungen an elektr. Antriebssysteme für Kfz und resultierende Anwendungsspektren

11.12. 18:15 Stastny MTU Aero Engines GmbH - München

More Electric Engine

RMD

Vor kurzem schleppte Roland Dürre einen Stapel Bücher an – lauter gut erhaltene Exemplare eines Werkes von Gerhards Saeltzers mit dem Titel „erstaunliche Computerwelt“.

Rolands Kommentar dazu war: „Ich kaufe jetzt den Markt leer, dann können wir mit diesem Buch auch die ganz jungen Talente für die Informatik gewinnen“.

Ich gebe zu, als ich das etwas vergilbte Umschlagbild sah, erschien mir der Gedanke etwas verwegen. Aber als wir dann zu zweit mit kräftigem Schmunzeln Seite um Seite umblätterten, stellten sich doch ein paar wunderliche Gedanken ein, in etwa dieser Reihenfolge:

1. Soviel hat sich gar nicht verändert

Selbst Stift-Eingabe und Spracherkennung kommen in diesem Buch von immerhin 1988 schon vor.

Auch wenn die Abbildungen einen gewissen nostalgischen Charme haben und noch in der DDR gedruckt wurden, vermitteln sie einem das Gefühl, wie man es manchmal vielleicht bei altem Blechspielzeug empfindet: nicht modern, aber liebenswert. Und in unserem Falle mit einem echten Nutzwert versehen, denn der nächste Gedanke war:

2. Man kann Computer durchaus noch von Grund auf verstehen

Die moderne Klage, dass man früher noch vom Microchip bis zum Anwendungsprogramm alles verstehen konnte, ist verständlich. Und natürlich gibt es heute mannigfache, komplexe Feinheiten, die nur noch Speziallisten vertraut sind. Aber die grundlegenden Zusammenhänge der verschiedenen Schichten eines IT-Systems lassen sich durchaus noch durchdringen, und zwar „für Leser von 12 Jahren an“, wie der Klappentext geradezu rührend und ermutigend beschreibt. Daraus folgt:

3. Erfahrung macht klug, manchmal aber auch blind

Auch denen unter uns, die sich in die Feinheiten von JEE und .Net vertieft haben, bietet eine kurze Pause und Besinnung auf die Wurzeln wahrscheinlich Entspannung. Man sieht die einfachen Grundlagen und ihre Wirkung im praktischen Leben vor sich: Letztendlich sind es alles nur Nullen und Einsen, aber sie können vieles bewirken.

Ich brachte letztendlich ein Exemplar mit nach Hause, für einen simplen Praxistest. Der Kommentar der dortigen Nachwuchskräfte lautete sinngemäß in etwa so: „Das Titelbild sieht ja richtig alt aus“ – Pause, blättern, Stirnrunzeln, grinsen, weiterschmökern – „ … aber innen ist es cool“.

Was will man mehr!

CST

Anmerkung von Roland Dürre:

Das Buch haben wir im September 1990 bei einer InterFace-Veranstaltung (gleich nach der Wende) in Dresden gefunden. Der Autor hat gemeinsam mit InterFace die “Erste deutsch-deutsche Fachtagung für moderne Software und Computer Systeme SoftSys” organisiert. Was InterFace dort gemacht und was wir alles erlebt haben, davon berichte ich in einem eigenen Beitrag.

Mir hat das Buch so gefallen, weil es auf anschauliche Art und Weise Informatik beschreibt. Man versteht auch die Basis von Informatik sehr gut, und geht dabei in eine Tiefe, die ich heute bei manchem Absolventen eines Informatik-Studiums vermisse. 

Ein Blog soll aktuell sein, also wo ist der Bezug?

Der Anfang der 70er Jahre sah einen ganz merkwürdigen Ansatz der Pädagogik. Der Programmierte Unterricht war recht erfolgversprechend umgesetzt worden. Mathematik und Physik war in kleine Lernhäppchen zerlegt worden. Jedes Häppchen erhielt eine Seite als Stoffdarstellung mit anschließender Aufgabe. Auf der Rückseite stand die Lösung und so durch den ganzen Stoff. Natürlich waren die Schüler unterschiedlich schnell und auch sehr unterschiedlich bereit, sich selbst durch den Stoff zu bewegen. Aber der Erfolg reichte aus, um große Investitionen in Angriff zu nehmen. Siemens entwickelte eine eigene Programmiersprache LIDIA (Lernen im Dialog) um Lehreinheiten von Pädagogen erstellen lassen zu können. Der CUU (Computer unterstützter Unterricht) war geboren. Technologieführer weltweit war Bayern, die Zentralstelle für Programmierte Unterweisung und Computer im Unterricht wurde mit den Entwicklungsarbeiten beauftragt.

Die Vorlage der Programme waren die gedruckten programmierten Unterweisungen. Das Schüleridealbild war der „autonome Lerner“, der als Einzellerner, selbstmotiviert mit individualisierter Lerngeschwindigkeit sich den Lehrstoff erarbeiten sollte.

Aber der Jubel der Schülerschaft blieb aus. Sie reagierte sehr differenziert und hatte sehr unterschiedliche Erfolgserlebnisse bei der neuen Unterrichtsmethode „Schüler am Bildschirm“.

Mit dem Aufkommen der ersten PCs, Commodore und Apple II, wurde das Kapitel CUU rasch zu den Akten gelegt. Das Lernen am Computer wurde sehr schnell durch das Programmieren abgelöst. Unbemerkt zunächst schlüpfte der Schüler aus seiner Rolle.

Das Phänomen entstand, dass der Wissensvorsprung des Lehrers im Unterricht nicht mehr die entscheidende Rolle spielte. Von den Medien wurde das oft missverstanden. Man konnte beobachten, wie Schüler aktive Rollen im Unterrichtsgeschehen spielten. Die Tafel wurde nicht mehr vollgeschrieben, die Schüler schrieben nicht mehr ab. Folgerung: Dann müssen die Schüler mehr wissen als die Lehrer! In der Tat gab es eine enorme Verunsicherung auf Seiten der Lehrerschaft, nur wenige fanden sich bereit, Programmierung und Wissen über Computer und Computersprachen als selbständiges und wichtiges Wissensgebiet in ihren Unterricht zu integrieren.

Für diesen Fakt biete ich ein neues Erklärungsmuster an.

Wenn im Unterricht der Computer als Werkzeug der Programmierung verwendet wird nimmt der Frontalunterricht als Instruktionsphase nur einen kleinen Zeitabschnitt der Stunde ein. Dann löst sich der Schüler, wird selbsttätig und benötigt den Lehrer nicht mehr. Er versinkt zusammen mit einem Mitschüler in ein Projekt. Die Kommunikationsregeln bestimmt nicht mehr der Lehrer sondern der Compiler und der Mitschüler. Ein Machtverlust findet statt, der Lehrer hat nichts mehr zu tun!? So weit die Befürchtung und die Begründung der dadurch hervorgerufenen Aversion.

Aber die Analyse der Kommunikationsstruktur zeigt, dass im Moment der Zuwendung zu den Maschinen der Lehrer in einer anderen Rolle schlüpfen muss, in die des Coach.

Für mich wurde an dieser Stelle zu ersten Mal an den Schulen projektorientierter Unterricht eingeführt. Zunächst in seiner sozialen Auswirkung auf Lehrer und Schüler unverstanden. Der Schüler war nicht gewohnt, an einem Projekt zu arbeiten. Er war auch nicht gewohnt, dass man den Arbeitserfolg selbst konstruieren und nicht abschreiben muss um ihn schwarz auf weiß nach Hause zu tragen. Der Lehrer war plötzlich mit einem sehr dynamischen Wissensgebiet konfrontiert, das prinzipiell unüberschaubar war. Außerdem mit der Aufgabe der individuellen Betreuung von Teams und dem Erfordernis viel individueller und umfänglicher zu kommunizieren als gewohnt. Auch unvorhersehbares und überraschendes musste bearbeitet werden, was sich elementar von dem klassischen Gedanken der Unterrichtsvorbereitung unterschied. Führen, ausstrahlen, Schwierigkeiten besprechen, individuelle Lösungen würdigen etc. sind zentrale Qualitäten für Projektunterricht, die man auch als versierter Frontalunterrichter in der Regel nicht entwickelt hatte.

Beobachtet man heute Unterricht, in dem Projektarbeit durchgeführt wird: Wie bewegt sich der Lehrer, auf welche Weise interveniert er, wie verhält er sich im Beratungsgespräch, was würdigt er an Verhalten und Leistungen – dann sieht man, dass das Pult keine Rolle mehr spielt. Der Pionier dafür war der PC, er hat den Schüler auch vom Programm, vom total vorgedachten Programm mit eingebauter Lehrplansequenz, befreit.

Heute (Do 11.9.2008) liest man unter der Überschrift „Stellt den Lehrer in die Mitte der Debatte“ in der FAZ, S.31 eine Besprechung von Bernhard Buebs neuem Buch „Von der Pflicht zu führen“. „Ein Lehrer braucht Flexibilität, Mut, Durchsetzungskraft und Begeisterung für das zu vermittelnde Fach“, d’accord. Ich ergänze auch gerne: Kommunikative Sensibilität. Führen heute ist etwas anderes als führen gestern. Ich hätte eine Reihe Anmerkungen zum Ansatz Buebs. Aber die Diskussion macht deutlich, dass der nötige Wechsel des kommunikativen Stils, der dem Schüler Selbstverantwortung, Gestaltungspflicht und Teamverantwortung überträgt, noch längst nicht vollzogen ist. Auch der Stil in dem junge Lehrer an den Universitäten ausgebildet werden entspricht noch längst nicht dem, was sie später performen sollten. Aber das ist dann eine weitere Geschichte.

Dr. Werner Lorbeer

 

Wie dem verehrten Blog-Leser wohl bekannt, halte ich gerne Vorträge. Ich mache das, weil ich glaube, dass ich in meinem Leben einiges gelernt habe und davon etwas weitergeben möchte. Bei meinen Vorträgen habe ich verschiedene Ziele: Mal gebe ich den Warner, andere Male den Mutmacher. Ich versuche immer, mein Auditiorium zum Nachdenken und kritischem Hinterfragen vermeintlicher Wahrheiten zu bringen. 

Gerne spreche ich zu jungen Menschen. Ich glaube, dass Bildung und Lernen von zentraler Bedeutung sind und möchte da mein Scherflein beitragen. Deshalb halte ich meine Vorträge für Hochschulen und Non-profit-Organisationen honorarfrei. Vor dem Vortrag werde ich regelmäßig gefragt, welche technischen Hilfsmittel ich außer einem Beamer brauchen. Dann sage ich meistens: “Keinen Beamer, wenn möglich eine Tafel oder ein Flipchart” und ernte Staunen. Tafel oder Flipchart brauche ich immer nur für den Fall, dass es mir gelingt, mich mit Worten nicht verständlich zu machen.

In der Tat habe auch ich viele Jahre gedacht “Ein Bild sagt mehr als Tausend Worte” und alle meine Präsentationen und Vorträge fleißig mit Folien vorbereitet. Bei der Gründung der InterFace Connection GmbH 1984 wurden auch gleich 2 Overhead-Projektoren beschafft, ein mobiler im Koffer mit Ersatzbirne und ein großer stationärer für den Konferenzraum (hatten wir vom ersten Tag an). Und mit dem ersten Windows-System mit Powerpoint kam dann ein ganz großer Beamer.

Und da man ja als Geschäftsführer und Vertriebsmensch immer präsentieren und reden muss, bin ich viele Jahre vor Powerpoint-Bildern aufgetreten und habe mit mechanischen und Laser-Pointern auf die Sätze und Graphiken gezeigt, mit denen ich überzeugen wollte. Tausende von Folien haben sich angesammelt, die von einem auf den anderen Laptop mit umgezogen sind.

Aber ich war im Irrtum. Es ist viel besser, wenn man seine Vorträge frei hält. Ich erstelle jetzt für jeden Vortrag zumindest ein Roh-Manuscript, dass die Zuhörer im Internet (oder auch in IF-Blog) nachgelesen können. Viel Zeit erspare ich mir mit dem Layout, es gibt kein endloses Herumfummeln an den Folien mehr. Die inhaltliche Vorbereitung freilich ist intensiver geworden und frisst die Ersparnis beim Layout mehr als auf. Im Vortrag fehlt die Führung durch die Folien. Konnte ich mich früher auch noch nach einer durchzechten Nacht an die Folien klammern, so gehe ich jetzt am Vorabend des Vortrages rechtzeitig schlafen.

Ohne Folien bleibt man viel besser mit den Zuhörern im Kontakt. Bei Präsentations-Trainings habe ich gelernt, dass man sich nicht hinter dem Rednerpult verstecken soll, weil es eine Barriere zwischen Referent und Publikum darstellen würde. Und in der Tat, die bunten Bilder hinter dem Redner haben eine ähnliche Folge. Der Redner gibt einen Teil der Aufmerksamkeit ab. Die Zuhörer sind ohne Folien merklich näher an am Redner dran. Ein kolossaler Wettbewerbs-Vorteil. Mittlerweile wundere ich mich, das immer noch so viele Vorträge mit Folien gehalten werden. Sind die Vortragenden zu bequem oder glauben Sie, dass die Zuhörer die Folien zum Verständnis brauchen?

RMD

P.S.

Bei meinem ersten Vortrag in einem Saal mit aktivem WLAN hatte ich ein neues Erlebnis. Geschätzt jeder dritte Zuhörer hatte einen aufgeklappten Laptop vor sich auf dem Schreibtisch. Da leuchteten auch viele Äpfel (ich hatte damals schon ganz vergessen, dass es Apple noch gibt - heute habe ich selber einen). Da ich keine Folien hatte, konnte der Raum heller geschaltet werden und ich sah die Gesichter der Menschen wieder. Die Laptops haben mich zuerst irritiert, da ich sie als Desinteresse an meinem Vortrag gewertet haben. Jetzt weiß ich, dass das ganz normal ist. Die Zuhörer machen auf ihren Laptops Notizen zum Vortrag, “googlen” ein wenig, um zum Beispiel heraus zu kriegen, wer denn das für einer ist, der da redet. Und natürlich haben sie ein wenig geschwätzt - pardon “gechatet” (Geschwätzt haben wir früher in den Vorlesungen) - sie mussten ihren Freunden ja mitteilen, dass sie bei mir im Vortrag sind. Der Vortrag hat dann noch so richtig Spaß gemacht.

 

Da ich aus „Liebe zur Mathematik“ dieses Fach studiert habe (und heute noch ganz erstaunt bin, dass man trotzdem „etwas“ werden kann), spricht mich dieses Thema (siehe Post von Herrn Lorbeer) besonders an.

Ich selbst hatte das Glück, viele sehr gute Mathematik-Lehrer erleben zu dürfen (sonst wäre ich heute vielleicht Mediziner oder Jurist), sehe aber häufig, welch Schaden angerichtet wird von Lehrern, die Formeln (oder Vokabeln oder Jahreszahlen) vermitteln, statt die Fächer zu benutzen, um junge Menschen für’s Leben stark zu machen.

In unserer Gesellschaft gilt ein Versagen in Mathematik als gar nicht schlimm. Politiker kokettieren damit, in Mathematik durchgefallen zu sein – wenn jemand zugäbe, Rechtschreibung nicht zu können, Goethe und Schiller nicht zu verstehen, gälte er als Ignorant – die viel ältere Geisteswissenschaft Mathematik nicht zu verstehen, gilt als chic. Dabei haben z.B. Euklid und Archimedes vor weit über 2000 Jahren viele Grundlagen gelegt auf denen unser heutiges Denken aufbaut – wenn man aber im Unterricht statt darüber zu sprechen nur c² = a² + b² - 2abcosγ vermittelt (ohne eine Vorstellung zu geben, wozu man diese Formel wirklich verwenden könnte), dann kann natürlich keine Freude an Mathematik aufkommen. Aber „Freude im Unterricht“ – darf das denn sein? „Freude an einem Fach“ – darf Lernen Freude machen?

Und selbst an der Universität spricht man immer mehr darüber, Studenten „fit für den Beruf“ zu machen oder die Inhalte schneller und besser in die Köpfe zu stopfen!

Ich habe viel Unterricht genossen, ohne dass man mich direkt auf ein Studium oder einen Beruf vorbereitet hat – viele der Inhalte habe ich schon wieder vergessen – aber vielleicht hat das „fit für’s Leben“ gemacht?

E2E

 

Gestern hat mich folgender Post von Dr. Werner Lorbeer erreicht:

Der Mathematikunterricht muss sich vor allem danach richten, die Lebenskraft des Schülers zu stärken!

Mein erstes BLOG, vielleicht auch das letzte, ich schreibe es, weil ich mich seit den 66er Schultagen mit Roland Dürre und seiner Familie verbunden fühle. Wir haben zusammen Schach gespielt, so ging das an. Und irgendwie sind wir immer gerne am diskutieren, finden ein überraschendes Thema und verwickeln uns.

Ich muss mich noch vorstellen: Werner Lorbeer, Jahrgang 48, aufgewachsen am wilden Lech bei Augsburg. Studiert habe ich Mathematik, Physik, Pädagogik und Psychologie und wie ich so aufgezogen bin, auch alles abgeschlossen. Promoviert habe ich dann im großen Thema Artificial Intelligence. Ende der 70er programmierte man noch Server-Betriebssysteme selber: File-Server, Print-Server, das war es auf der Basis von Cassettenports. Man hörte von Seymour Papperts Mindstorms aus dem educational center des MIT und Marvin Minsky saß schon mal bei einer Konferenz in Berkeley am Biertisch in der telegraphe avenue gleich nebenan.

Trotz dieser starken technologischen Impulse bin ich Lehrer geworden. An die Eltern unter Ihnen: Wozu ist Mathematikunterricht eigentlich gut? Stimuliert durch die Pädagogik treibt mich immer der Gedanke, dass es im Unterricht gar nicht um die c² = a² + b² - 2abcosγ geht, sondern um den Aufbau von nachdenklichen, selbstbewussten und charakterstarken Jugendlichen. Man benutzt die ästhetischen Möglichkeiten der mathematischen Probleme um die Schüler in einen bestimmten Erlebniszustand zu versetzen, der diese Erziehungsziele unterstützt. Mathematik als tool im Erziehungsprozess und nicht als ability.

Gelegentlich habe ich dabei ein Bonmot Rolands im Sinnen. Es stammt aus einem Gespräch, als die Interface gerade nach Unterhaching umgesiedelt war: „Weißt Du, meist sind die Dinge gar nicht komplex sondern werden nur kompliziert gemacht“.

Stimmt Roland!

Ein sehr gutes Motto für das Problem „ich verstehe die Mathematik nicht“. Man kann alles, was zu vermitteln ist auch einfach sagen, verständlich sagen – manchmal muss man auch aus der Ebene ausbrechen und zurückfallen auf die Ebene Sinn und Motiv. Oft muss man auch aufhören zu reden und für die Jugendlichen erst einmal die Erfahrung bereitstellen und als Coach oder Trainer oder Berater oder Vater andere Beziehungsebenen anbieten, ehe es dann eben doch zügig weiter geht zum Sinussatz.

Was ist mit Computern im Unterricht? Dazu hätte ich eine Meinung, aber ich will Sie heute nicht damit langweilen. Der Beitrag hier ist eh schon ziemlich fremd in einer consulting- und computergetriebenen Umgebung.

gez. Dr. Werner Lorbeer

Werner Lorbeer ist ein ganz besonderer Freund von mir.

In der Schule habe ich ihn bewundert, weil er obwohl nicht viel älter als ich ein besonders ausgeglichener und achtsamer Mensch war. Er hat uns Mut gemacht, wenn wir verzweifelt waren. Wenn er vom “wilden Lech” spricht, denke ich an meine Tage auch an der “milden Wertach” oder im Augsburger “Familienbad”. Wir hatten “seasons in the sun”! Sein Leben lang hat er sich neben erfolgreichen beruflichen Stationen um das Gemeinwohl verdient gemacht. So kenne ich ihn als charismatischen Schulsprecher “meines” Gymnasiums Jacob Fugger in Augsburg, heute ist er im Vorstand von “PRO AUGSBURG“.

Seit 2005 leidet er an einem Plasmozytom. Den Post hat er aus der Intensivstation des Augsburger Klinikums gesendet. Von hier aus möchte ich ihm gute Besserung wünschen. Und ich glaube, wir würden uns freuen, wenn er uns seine Meinung zu Computern im Unterricht schreiben würde.

Danke, Werner!

P.S.

Wenn ich an unsere Jugend denke, dann bricht es mir oft das Herz und ich schreibe mir den Schmerz von der Seele. Und dann kommen die Gedanken über mein eigenes Leben und im Ohr habe ich Terry Jacks “Seasons In The Sun”:

Goodbye to you, my trusted friend.
We’ve known each other since we’re nine or ten.
Together we climbed hills or trees.
Learned of love and ABC’s,
skinned our hearts and skinned our knees.
Goodbye my friend, it’s hard to die,
when all the birds are singing in the sky,
Now that the spring is in the air.
Pretty girls are everywhere.
When you see them I’ll be there.
We had joy, we had fun, we had seasons in the sun.
But the hills that we climbed
were just seasons out of time.

Goodbye, Papa, please pray for me,
I was the black sheep of the family.
You tried to teach me right from wrong.
Too much wine and too much song,
wonder how I get along.
Goodbye, Papa, it’s hard to die
when all the birds are singing in the sky,
Now that the spring is in the air.
Little children everywhere.
When you see them I’ll be there.
We had joy, we had fun, we had seasons in the sun.
But the wine and the song,
like the seasons, all have gone.

Goodbye, Michelle, my little one.
You gave me love and helped me find the sun.
And every time that I was down
you would always come around
and get my feet back on the ground.
when all the bird are singing in the sky,
Now that the spring is in the air.
With the flowers ev’rywhere.
I whish that we could both be there.
We had joy, we had fun, we had seasons in the sun.
But the stars we could reach
were just starfishs on the beach.

Alles Gute Werner - Du bist nicht allein!