Essen hält nicht nur Körper und Seele zusammen. So spielt es im Leben des Studenten wie des Werktätigen eine zentrale Rolle. Auch uns HighTec Ingenieure der modernen Datenverarbeitung bei der Siemens AG lockten die Kantinen im großen Werksgelände am Standort Hofmannstraße. Besonders bei schönem Wetter ging es heraus aus unserem Bau in der Ortenburgstraße, der mittägliche Spaziergang ins Stammgelände war eine schöne Abwechslung, gut geeignet zum frische Luft schnappen. So ließen wir unseren “Haus-Bäcker” links liegen und machten uns auf den Weg ins Kasino. Bei Siemens gab es damals gutes Essen. Es gab Frühstück, Mittag- und Abendessen. Wir als “weiße Kragen” gingen meistens nur zum Mittagessen. Das Abendessen nutzten wir nur gelegentlich, wenn eine “Spätschicht” angesagt war.
Bezahlt wurde damals auch schon bargeldlos. Der Prozess war gnadenlos einfach - echt “cheap design“. Es gab Automaten, in die konnte man DM-Münzen einwerfen und die spuckten dann eine Anzahl grüner, roter oder gelber Metallscheibchen aus. In der Mitte der Scheiben war ein Loch, außenherum eine (vergessene) Inschrift. Für die grünen bekam man ein Essen I, für die roten ein Essen II und für die gelben Marken wahlweise eine Extra-Beilage, einen Salat oder eine Nachspeise. Die Suppe war im Preis inbegriffen. Am Ausgang gab man dann entsprechend seiner Auswahl eine oder zwei Marken ab, das war es.
Das Essen wurde damals aus großen Töpfen und Pfannen ausgegeben. Man nahm sich ein Tablett und stellte ein typisches Kantinengeschirr aus Porzellan mit 4 Fächern (2 waren größer und 2 kleiner) darauf und ging zur Essensausgabe. Dort konnte man durch “Spracheingabe” auf die Größe der Portion Einfluss zu nehmen. Man musste nur sagen “Bitte weniger” oder “Bitte ein wenig mehr” von diesem oder jenem. Dem entsprechend bekam man von der meist freundlichen und ab und zu knurrigen Dame einen größeren oder kleineren Schöpfer (oder ein großes oder kleines Stück). Meistens wurde aufgegessen und es ging weniger Essen in den Abfall, eigentlich doch auch ein Wert.
Wie ich meinen Abschied von der Hofmannstraße nahm und nach Neuperlach ging, hat die grüne Marke DM 1,60 gekostet, die rote 2 Mark und die gelbe 30 Pfennige. Zu Beginn meiner Werkstudentenzeit 8 Jahre früher hieß das Kasino noch Kantine, das grüne Essen kostete 1,20 und das rote 1,50, die Nachspeise 20 Pfennig. Das waren dann umgerechnet 60 Cent für ein vollwertiges Mittagessen inklusive Suppe. Und damals haben ältere Kollegen auch schon davon erzählt, wie billig das Essen in der Kantine noch vor der letzten Preiserhöhung gewesen wäre.
Das Essen in der Siemenskantine war damals wesentlich billiger und deutlich besser als in der neuen Mensa der Technischen Hochschule München (TH München) in der Arciss-Straße. Ein Grund mehr, immer mehr Zeit von der THM (später TUM - U für Universität) zu Siemens zu verlagern. Dort hatten wir den direkten Zugriff auf moderne Rechner, beliebig Rechenzeit, eine zumindest die IT betreffend bessere Bibliothek und spannende Projekte. Wir haben wahnsinnig viel gelernt - und bekamen auch noch Geld dafür. Es war eine gute Zeit. Auch deswegen bieten wir guten Werkstundenten gerne interessante Aufgaben bei InterFace an.
Aber zurück zum Essen. Braucht man das vielfältige Angebot in den modernen Kantinen mit “dem Fisch des Monats”, Grill- und Steakwochen, exotischen Landesspezialitäten und vielem mehr wirklich? Wie überall werden die Namen schicker (und englischer), die Uniformen des Personals aparter, die Freundlichkeit sehr konstant, aber sie wirkt oft doch recht antrainiert. Für das Abrechnungssystem braucht man ein Rechenzentrum, wahrscheinlich fließen die Daten ins SAP-System ein. Leiser und menschenfreundlicher sind die Kantinen aber deswegen nicht geworden
In Neuperlach in der Kantine war dann alles schicker, aber Teller und Besteck waren Einmalgeschirr aus Plastik (aus Kostengründen!). Aber zu Neuperlach komme ich dann später.
Ja, da hat er wieder geweht, der “Wind of change”, nicht ganz so positiv wie bei den Scorpions (Vorsicht Musik!).
RMD
P.S.
In Wikipedia gibt es auch einen Artikel zum “Wind of Change“.
Seit einem halben Jahr darf ich bei Manage&More mitmachen, einer Aktivität von unternehmerTUM. Ich übe mich dort in der Rolle eines Mentors und habe einen Mentee. Bis vor kurzem wusste ich gar nicht, was ein Mentee ist, mittlerweile bin ich selber ein Mentee und zwar in Sachen Wikipedia. Das ist aber eine andere Geschichte.
Mein Mentee heißt Michael, er passt also auch vom Namen gut zur Überschrift. Michael ist ein sympathischer und authentischer Typ, früher hätte man gesagt, “einer mit dem man Pferde stehlen gehen kann”. Alle 4 - 6 Wochen treffen wir uns und sprechen über ein vorher vereinbartes Thema. Mal berichtet der eine und der andere spiegelt und fragt nach und mal machen wir das anders herum. So lernen wir voneinander einiges. Zum letzten Treffen hat Michael mir eine E-Mail gesendet: “Lass uns doch mal über Motivation sprechen!?” Das Thema hat mich angesprochen. Denke ich doch oft selbst genug darüber nach, wie meine Motivationslage so ist und warum ich für manche Themen gar nicht zu motivieren bin. Vorbereitet hab ich mich auf das Treffen zu erstmal mal, in dem ich - wie fast immer - den Begriff in Wikepedia gesucht habe. Da stand einiges zu Motivation drin. Ich habe es ausgedruckt, es waren 13 Seiten - und in der Tat war kaum etwas Falsches oder wirklich Unwichtiges dabei.
Michael wollte über Motivation mit mir sprechen, weil ihm in einem Feedback-Gespräch zurück gemeldet wurde, dass er ab und zu in Besprechungen seine Unlust zu gewissen Themen nicht verbergen könne und durch dieses “Fehlverhalten” die anderen Teilnehmer der Besprechung demotivieren würde. Und wie alle anständigen Menschen hat er zuerst die Schuld bei sich selbst gesucht. Aber Heucheln ist nun mal gar nicht so sein Ding.
Die spannende Frage war: Was soll man machen, wenn man in einer Besprechung an einem Thema mitwirken muss, das einem völlig unsinnig erscheint, man aber aus irgendwelchen Sachzwängen dabei sein muss. Ich glaube, das passiert uns allen hin und wieder - und wahrscheinlich in größeren Organisation noch häufiger als in kleinen.
Soll man dann heucheln, das Desinteresse verbergen und einfach aufs Tempo drücken, damit die grausame Besprechung schnell zu Ende geht und man sich dann ganz schnell wieder seinen wichtigen und geliebten Aufgaben widmen kann? Oder soll man den anderen Beteiligten ehrlich sagen, das man das Thema für nicht relevant hält, die eigene Beteiligung deswegen eh nicht zielführend wäre und dann die Besprechung mit einem freundlichen “Das könnt Ihr ohne mich ja eh viel besser, ruft mich an, wenn ihr das Thema durch habt!” verlassen?
Eine andere Idee: Man könnte sich auch das ungeliebte Thema zu eigen machen und sich die Frage stellen, welche Bedingungen denn erfüllt sein müssten, damit man es selber auch für sinnvoll erachten kann? Dann würde man sicher gute Argumente finden, die man trefflich einsetzen könnte oder die aber den eigenen Standpunkt verändern würden.
Wenn man aber wirklich der Meinung ist, dass das Thema absoluter Blödsinn ist, dann müsste man doch die Zivilcourage aufbringen, dies zu formulieren und einen innovativen Verbesserungsvorschlag zu machen - auch wenn man vor der Macht von entpersonalisierten und sich verselbstständigten Systemen resigniert hat und keine Chance sieht, etwas positiv zu wenden.
Wie man sieht, das Problem ist nicht einfach. Ich glaube, dass Heucheln und “Gute Miene zum bösen Spiel machen” die schlechteste Empfehlung ist.
Die schönste Zeit bei Siemens habe ich am Standort Hofmannstraße in einem ausgelagerten Labor verbracht. Siemens platzte damals aus allen Nähten, deshalb wurden im Umfeld der Hofmannstraße zahlreiche Büroräume angemietet (und dabei wahrscheinlich auch aus Wohnungen Büros gemacht). Dort startete ich nach Abschluss meines Mathematik-Studiums in fester Anstellung als SW-Entwickler bei der Siemens AG im Bereich Datenverarbeitung im Werk für Systeme in der Datenfernverarbeitung. In Kurzform hieß meine Abteilung UB D WS DF 131. Über mir gab es inklusive des Vorstandes 9 Führungsebenen (heute meine ich, dass das gar nicht so schlecht war - von den tollen flachen Führungsstrukturen bin ich gar nicht mehr so überzeugt. Aber das ist ein anderes Thema). Drei meiner Chefs kannte ich persönlich, das waren Herr Henning, Herr Jilek und Herr Obst, die auch alle drei in der Ortenburgstraße ihr Büro hatten. Das Wachstum von Siemens war zu dieser Zeit unheimlich stark. Laufend strömten junge Kollegen aus ganz Deutschland zu uns, so dass ich schon nach einem Jahr zu den alten und erfahrenen Kollegen gehörte.
Wir hatten Glück, unser Softwar-Labor war in der Ortenburg-Straße. Von außen sah das Gebäude aus wie ein Wohngebäude, innen war es richtig gemütlich. Es gab zwar keine Parkplätze - und die Mega-Parkplätze der Siemens AG waren ziemlich weit weg - aber das machte mir nichts, weil ich damals gerade wieder in die Fraktion der Radfahrer gewechselt war (Die Staus auf der Fürstenrieder Strasse waren sehr unerfreulich). Drei Kollegen habe ich damit angesteckt, die sind dann auch nicht mehr mit dem Auto ins Büro gefahren. Einer davon hat sich ein besonders schweres Holland-Rad gekauft und gemeint, dass würde ihn mehr anstrengen und wäre deshalb gesünder.
Obwohl Programmierer hatten wir zu Beginn noch fast keine Computer im Büro, aber Kaffeemaschine und Kühlschrank. Das erstere war möglich, weil wir damals nur auf speziellen Assembler-Formularen programmierten. Ein Programm wurde gründlich durchdacht, dann ordentlich in spaltenorientierte Formulare eingetragen. Nach gründlichem Code-Reading wurde es vom Botendienst abgeholt und von einem speziellen Lochkartendienst (der war damals schon “outgesourced”) gestanzt. Getestet wurde im Feurich-Bau (das war das Gebäude einer ehemaligen Keks-Fabrik mit echtem “Loft-Charakter” im nördlichen Teil des Geländes an der Hofmannstraße), da war unser Versuchsfeld und da standen die ganz neuen DUETs und BS2-Systeme. Und wenn wir einen Fehler hatten, den wir nicht auf Anhieb lokalisieren konnten, dann produzierten wir einen Dump (so ein PDN-Dump hatte schon eine Höhe von deutlich mehr als 20 cm und das Schnelldrucker-Papier war ganz schön schwer). Die Dumps wurden im Rechenzentrum ausgedruckt und dann in die Ortenburgstraße gefahren. Es sah schon lustig aus, wenn wir zu dritt - alle im Anzug mit Krawatte, das hat sich auch erst später gelegt - im Zimmer in den Dumps wühlten.
An Kühlschrank und Kaffeemaschine erinnere ich mich gut, weil es durchaus eines kleinen Aufstandes bedurfte, um so etwas mit ins Büro bringen zu dürfen. Ich glaube, dass unsere damaligen Chefs da doch ein paar Augen zu drückten. Kühlschrank und Kaffeemaschine waren potentielle Brandherde und so ein enormes Sicherheitsrisiko. Aber es waren Symbole einer neuen Freiheit auch im Arbeitsleben.
Die geniale Ergänzung war der Bäcker im Erdgeschoss unseres Gebäudes. Da duftete es immer so gut, dass wir immer öfters auf den Gang in die Kantine verzichteten. In dieser Zeit kam ich auch das erste Mal mit einer Betriebsversammlung in Kontakt. Ich als Neuling fragte meine Kollegen, was das wäre. Die lapidare Antwort war, dass man darauf gut verzichten könnte. So habe ich das dann auch gemacht. Später war ich einmal dabei, meine Kollegen hatten zweifelsfrei recht.
Dafür gab es bei Siemens tolle Vorträge, fachlich und gesellschaftlich, da lohnte es sich hinzugehen. Ein Kollege war Mitglied der Siemens-Laien-Bühne, den haben wir dann bei seinen Auftritten im Siemens-Casino besucht. Mit unserem Chef sind wir ab und zu im Siemens-Sport-Gelände gejoggt - er wollte seine Mitarbeiter immer fit halten. Irgendwie war das schon so etwas wie die Siemens-Familie.
Fachlich war auch einiges zu tun. Am Anfang gab es keine Manualredaktion und keine eigene Qualitätsabteilung. Im kleinen Team (ich meine auch ziemlich scrum-mäßig) pflegten wir die letzte Version, entwickelten eine aktuelle Version und planten die Funktionalität und Realisierung der nächsten. “Nebenbei” schrieben wir Manuale und berieten unsere Kunden, sprich Kollegen die mit unserer Software (Transdata und PDN inklusive KOGS und APS und manches mehr) aufregende Großprojekte wie ITS, START, DISPOL und viele weitere realisierten. Wir waren damals unheimlich produktiv - und oft wurde es abends auch ziemlich spät. Obwohl wir immer pünktlich um 7:30 da waren (das war unsere Schicht, es gab zwei weitere, die um 7:10 und 7:50 begannen, dies diente der Entflechtung des Anfahr- und Abfahrverkehrs), ging kaum einer von uns um 16:15 heim. Stechuhren oder ähnliches gab es auch nicht, wir arbeiteten eigenverantwortlich und schauten, dass wir unsere Arbeit im Team schafften und gingen heim, wenn wir meinten es würde passen.
Mir fällt da nur das Lied (Vorsicht Musik!) “Those were the days my friends!” von Mary Hopkin (1968) ein …
RMD
Die Ängste der Manager
01.11.08
Es gibt schon wieder Neuigkeiten in IF-Blog. Wir haben jetzt eine neue Seite “Dokumente“. Auf dieser Seite werden wir regelmäßig interessante Artikel zum Herunterladen, Lesen und Ausdrucken anbieten. Als ersten Beitrag stellen wir die Mitschrift einer Rede bereit, die Rupert Lay an einem Ronneburger Sonntag im Jahr 2001 gehalten hat. Der Ronneburger Sonntag findet in der Regel zwei Mal im Jahr statt und ist eine Veranstaltung des Ronneburger Kreises, einem gemeinnützigen Verein, der sich für ethisches Verhalten im Alltag wie auch in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft einsetzt.
Hier kann die Mitschrift der Rede von Rupert Lay gelesen und zum Ausdrucken geladen werden. Der Artikel enthält ein Vorwort von Rudi Jansche, redaktionell überarbeitet wurde der Text von Irmgard Huesmann.
Wir bedanken uns beim Ronneburger Kreis, der uns die Veröffentlichung des Textes gestattet hat. Ich freue mich sehr, dass ich eine wichtige Stellungnahme meines Mentors und Freundes Rupert Lay in IF-Blog veröffentlichen kann.
Die Veröffentlichung weiterer Texte von verschiedenen Autoren werde ich regelmäßig im Post-Bereich des Blogs ankündigen.
Ich würde mich sehr freuen, wenn unsere Download-Seite zahlreich genutzt wird.
RMD
Benötigen wir eine neue Moral in Wirtschaft und Politik?
Die Ereignisse der letzten Monate, die in den letzten Wochen Panik, Hysterie und Angst in der Finanzwirtschaft ausgelöst haben, animieren immer mehr Menschen zu der Aussage: „Manager sind gierig, korrupt und völlig abgehoben, ohne Anstand, Moral und Sittlichkeit. Brauchen wir also eine neue Moral in Wirtschaft und Politik? Die Antwort ist einfach: nein, wir benötigen keine neue Moral in Wirtschaft und Politik. Was wir benötigen, ist nur mehr Bereitschaft, sich an Moral und Ethik auch zu halten. Was wir allerdings auch benötigen, ist mehr Kompetenz in Sachen Ethik und Moral.
Denn es sieht nicht gut aus. Schon 2004 hielten laut einer Umfrage des Emnid Instituts für das World Economic Forum 70 Prozent der Deutschen Konzernchefs für unehrlich und stuften das Verhalten als unethisch ein. 80 Prozent der Deutschen halten Konzernchefs für zu mächtig.
Im Vergleich dazu halten nur 22 Prozent der Franzosen deren Wirtschaftsführer für unehrlich. Bei den Engländern sind es 42 Prozent, bei dem Amerikanern 37 Prozent, in Japan 47 Prozent. Wir schießen also den Vogel ab.
Nach einer Untersuchung von Ulich/Lunau/Weber von 1998 besteht zwar in Unternehmen eine stärkere Sensibilisierung für den Sinn und die Notwendigkeit ethisch gerechtfertigten Handelns, eine konsequente Umsetzung in einzelne, Ethik sichernde Maßnahmen steht aber auf breiter Front noch aus. Das betrifft mögliche Instrumente, wie Moralbilanzen, Ethik-Kommissionen oder Moralbeauftragte, Sanktionsrepertoires oder umfassende Ethik-Trainings.
Der sorglose Umgang mit Ethik wird sich wahrscheinlich erst dann nachhaltig ändern, wenn Unternehmen klar wird, dass für 70 % aller europäischen Kunden das soziale Engagement eines Unternehmens die Kaufentscheidung beeinflusst.
Nur fachliche Qualifikation reicht nicht.
Ein hilfreicher Schritt dazu beginnt bereits bei der Personalauswahl. Wer macht in einem Unternehmen Karriere? Manager werden überwiegend nach fachlicher Qualifikation ausgesucht. Ich fordere hier ein Umdenken. Neben der fachlichen Qualifikation ist unbedingt die soziale und ethische Qualifikation zu berücksichtigen. Soziale Qualifikation meint, ein Vertrauensklima herstellen zu können. Ethische Qualifikation bedeutet, kompetent in der Lage zu sein, ein Wertesystem zu implementieren, das nicht nur auf Hochglanzbroschüren gedruckt wird, sondern vorgelebt wird. Ethische Qualifikation bedeutet für mich auch, entscheidungskompetent zu sein. Wenn ich mir allerdings anschaue, wie viele meetings erforderlich sind, und wie viel Zeit investiert wird, um Entscheidungen zu fällen, die sich dann als falsch herausstellen, wird mir manchmal Angst und bange. Dabei ist es eigentlich nicht so schwer, zu sinnvollen Entscheidungen zu kommen. Die griechische und römische Dialketik hat dazu alle Methoden entwickelt, die man nur konsequent lernen und anwenden sollte.
Damit wäre mein Artikel eigentlich schon beendet, wenn es denn so einfach wäre. Aber wir sind alle Kinder dieser Gesellschaft. Auch Wirtschaftsführer und Politiker sind Kinder dieser Gesellschaft. Leider steht es damit nicht immer zum Besten.
Es ist erst wenige Wochen her, da haben CDU und SPD noch aufeinander eingedroschen.
Wie meinen Zuhörern (und dem Veranstalter) zugesagt, hier eine Zusammenfassung meines Vortrages in Kurzform:
Ich habe den Vortrag in drei Themenbereiche gegliedert:
1) Entwicklung von Technologien vom Beginn der Menschheit bis heute!
Seit es Menschen gibt, haben sie Techniken und Technologien entwickelt. Um die Entwicklung von Technologie zu diskutieren, habe ich menschliche Entwicklungen dem Kriterium ihrer Zweckhaftigkeit folgend in zwei Bereiche eingeteilt: Technologien für den Körper und Technologien für den Verstand.
Technologien für den Körper umfassen so alle Entwicklungen, die der Ernährung (”Fressen und Saufen”), des Reduzierens von körperlicher Anstrengung (”Faulheit”), Schützen des Körpers vor Kälte oder Nässe, Bewahren der körperlichen Gesundheit, der Vermehrung bzw. Vermeidung von Vermehrung (Sexualität), der schnellen Fortbewegung (Mobilität), der Entwicklung von Herrschaft und ähnlichem dienen.
Hier sind beispielhaft zu nennen: Jagd, Ackerbau und Viehzucht, Waffen, Feuer, das Rad, Fahrzeuge, Medizin, Schiffe, Fahrrad, geschlossenes Feuer, Lichtquellen, Kraftmaschinen, Automobil, Eisenbahn, Beherrschung der Elektrizität, Flugzeug, Chemie, Pharmazie, Kernspaltung und vieles mehr. Ich habe diese Disziplinen die “Allgemeinen Technologien” genannt.
Technologien für den Verstand umfassen alle Entwicklungen, die dem Erzeugen, Bewahren, Verbreiten und Verarbeiten von Informationen und Ähnlichem dienen. Beispielhaft sind hier: die Entwicklung von Sprache, Bildern und Schrift, Buchdruck, Datenübertragung, Rechenstab, Kurzschrift, Morse-Alphabet, Kabelübertragung, Telefon, Telex, Funk, Rechenmaschine, Schreibmaschine, Schallplatte, Radio, Fernsehen, diverse Aufzeichnungsgeräte, Computer, E-Mail, Internet. Diese Disziplinen habe ich unter dem Begriff der “Informatik” zusammen gefasst. Besonders wichtig waren mir die Begriffe “Digitalisierung” und “Virtualisierung”.
Ordnet man die Entwicklung all dieser Technologien auf einer Zeitachse an, stellt man eine ungeheure Beschleunigung (E-Funktion??) der technologischen Entwicklung fest. Man erkennt auch, wie die “Informatik” die Entwicklung der “Allgemeinen Technologien” vorangetrieben hat. Ohne Buchdruck wären die Technologiesprünge der Neuzeit unmöglich gewesen, ohne mechanische Rechenmaschine hätte keine Atombombe entwickelt werden können und was ein “WEB2″ bringen wird, können wir nur erahnen.
Die gewählte Darstellung lässt einen zweiten wichtigen Aspekt vermuten: Die Entwicklung von relevanten Fortschritt verläuft immer von “unten nach oben”, eigentlich im Sinne eines “automatischen” Prozesses der demokratischen Meinungsbildung und Ziel-/Regelfindung. Dies gilt für die Entstehung von Sprache, Schrift und Mathematik wohl genauso wie für Wikipedia.
2) Zitat von Bertrand Russell
Teil 2 des Vortrages habe ich auf einem Zitat von Bertrand Russel aufgebaut:
Jeder Zuwachs an Technik bedingt, wenn damit ein Zuwachs des menschlichen Glücks verbunden sein soll, einen entsprechenden Zuwachs an Weisheit!
Russel war nicht nur ein bedeutender Mathematiker und Philosoph des letzten Jahrhunderts, sondern auch eines der großen Idole unserer Jugend. Wenn wir seinem Zitat folgen und davon ausgehen, dass der Zuwachs an Weisheit beim Menschen z.B. seit Goethe nicht wesentlich stattgefunden hat, dann könnte man zu dem Schluss kommen, das der Zuwachs an Technologie das Glück der Menschen nicht mehrt. So kommt die Ethik ins Spiel. Vielleicht hilft ethisches Verhalten das “lag” zwischen Technologie und Weisheit ein wenig zu verkleinern.
3) Überlegungen zur Ethik von Managern
Schwerpunktmäßig habe ich über die Ethik der Entscheidung gesprochen. Führungskräfte (sogenannte Manager) befinden sich in einem großen Dilemma: Sie sollen in ihren Entscheidungen Ziele sinnvoll vereinen, die sich massiv widersprechen. Gewünscht wären jetzt sittlich verantwortete und nach sorgfältiger Güterabwägung getroffene Entscheidungen. Leider ist dies aber schwer und erschwert schnelle Entscheidungen. Deswegen behelfen sich viele Manager und Systeme und erleichtern sich die Entscheidungsfindung, in dem sie einen Trick anwenden:
Das geht ganz einfach. Man muss nur die Anzahl der zu vereinenden Ziele reduzieren, am besten auf ein einziges. Dies vereinfacht das Manager-Leben ungemein, ist aber als höchst unethisch zu bewerten und führt fast immer zu unteroptimalen Entscheidungen mit langfristig massiv negativen Folgen. Zwei Beispiele seien hier genannt. Ganz aktuell erleben wir die Weltfinanzkrise: Das singuläre Prinzip des Shareholder Value hat Profit im Bereich der Hochfinanz unisono als einziges Ziel festgelegt. Und dies hat eine Krise von gigantischem Ausmaß bewirkt. Und alle von Analysten getriebenen Unternehmen sind gefolgt - und ändern ihr Verhalten auch heute nicht, obwohl man es jetzt wirklich gelernt haben sollte! Demnächst in diesem Blog gibt es dazu noch ein oder mehr Beispiele.
Doch auch die Titanic musste untergehen, weil der Kapitän den Auftrag hatte, auf der Jungfern-Fahrt das “Blaue Band” zu gewinnen - und dieses Ziel hat er äußerst gewissenhaft befolgt.
RMD
P.S.
Meinen Zuhörern ein herzliches Danke für die vielen Beiträge in der Diskussion nach dem Vortrag.
Wenn ich hier auch über “G8″ schreibe, dann meine ich nicht die Damen und Herren, die sich auf den Weltwirtschaftsgipfeln zu siebt (dann heißt es allerdings G7) oder acht treffen, ein schönes Gruppenfoto machen und nebenher die Welt retten, mal vor der Klimakatastrophe und dann wieder vor der Weltfinanzkrise. Als Ergebnis hören wir schöne Worte oder hohe Zahlen. Die bei vielen Menschen um sich greifende Staatsverdrossenheit wird durch solche Treffen zwar auch nicht besser. Trotzdem sind wir froh, wenn sich die Staatsfrauen und -männer der reichen Länder treffen, denn so lange sie miteinander reden, sind kriegerische Problemlösungen weniger wahrscheinlich.
Nein, in diesem Artikel schreibe ich über Schule und Bildung. Die folgenden Sätze schicke ich voraus, um zu belegen, dass ich als Vater von sieben Kindern tatsächlich “Go to Gemba” (Kaizen) gemacht habe: die Grundschule habe ich sieben mal erlebt und die Entwicklung am Gymnasium von 1990 bis heute verfolgt. Zwischenzeitlich waren fünf meiner Kinder gleichzeitig am selben Gymnasium und haben dann mit Abitur abgeschlossen. Der sechste macht gerade Abitur und das Nesthäkchen ist im Gymnasium in der zweiten Klasse. Jetzt kommen ganz frische Erfahrungen mit dem G8 dazu. Einblick in die Entwicklung an den Hochschulen gewinne ich in Bewerbungsgesprächen wie auch durch meine Familie. Zwei meiner Kinder haben ihr Studium erfolgreich beendet, einer davon schließt gerade seine Doktorarbeit ab. Auch die anderen sind nahe am Abschluss oder gut im Studium unterwegs. So konnte ich zahlreiche Erfahrungen mit Schule und Hochschule miterleben.
Das Erstaunliche: Irgendwie haben das alle meine Kinder schulisch und später im Studium und beruflich ganz gut und ziemlich eigenständig gemacht, obwohl sie in der Grundschule nicht immer als unbedingt tauglich fürs Gymnasium eingestuft wurden. Wir hatten regelmäßig Stress mit dem Übertrittszeugnis. Es gab in der letzten Klasse der Grundschule immer Klassenkameraden, die von einem Team von Nachhilfe-Lehrern trainiert wurden wie sonst nur Hochleistungssportler und die Hürde “Übertritt” mühelos zu schaffen schienen. Ein paar Jahre später sind sie gescheitert, wie auch andere, die uns schon im einstelligen Lebensalter wie Karikaturen von Erwachsenen vorkamen. Da war dann bei den Mädchen als Hobby “Shopping” angesagt, die Buben unterhielten sich darüber, wie man mit Aktien auch ohne Arbeit reich werden könne. Man muss wissen, bei uns in der Gegend gibt es kaum Kinder mit “Migrationshintergrund”, hier leben die eher “besseren Kreise”.
Was könnten die Ursachen sein? Meine Theorie ist: Menschen werden körperlich immer früher und geistig immer später reif. Ein Grund für diese Entwicklung ist, dass die Kinder in unserer Erwachsenen-Gesellschaft nicht mehr lange genug Kind sein dürfen. Zu früh werden sie zu kleinen Erwachsenen gemacht. Kinder brauchen aber Zeit zum “Ausreifen”. Sie müssen eine Chance haben, die Lust am Lernen und Wissen aus eigenem Antrieb heraus entwickeln zu können. Wenn man das erreicht, dann ist der weitere Bildungsweg ganz einfach. Deshalb war das Anliegen von Barbara und mir, unseren Kindern möglichst lange die Kindheit zu bewahren. Von der Grundschule bekamen wir dann zu hören, dass unsere Kinder “zu verspielt”, “zu verträumt”, “zu wenig ehrgeizig” seien oder “keine Leistungsbereitschaft hätten” (oder anderen Blödsinn).
In der Grundschule wird ein vorgegebenes Leistungssystem mit eigenartigen Benchmarking-Ritualen von manchen Lehrkräften oft sklavisch angewendet. Hier muss die Reform des Schulsystems ansetzen, beim Verständnis für die Kinder. “Unsere” Grundschule entwickelte sich dagegen über die Jahre von einem Hort des Lernens zu einer sich selbstdarstellenden Schicki-Micki-Institution. Der erfahrene Pädagoge als Schuldirektor wurde pensioniert, die neue Leitung sprach von “modernem Management” und krempelte alles nach dem Motto “außen hui, innen pfui” um. Der Schein wurde wichtiger als das Sein, nach oben galt es zu buckeln, nach unten wurde getreten. Aber das gibt es ja auch woanders.
Für die Lehrer war und ist es auch nicht einfach. Ein Lehrplan mit ganz anderen Reformversuchen wie Rechtschreibreform oder neues Multiplizieren fordert seinen Tribut. Viele verwöhnte Einzelkinder, oft einsame Opfer der Wunschprojektionen ihrer Eltern, sitzen in den Klassen und langweilen sich. Morgens werden sie von Luxuslimousinen vor der Schule ausgespuckt. Die Eltern haben bedingt durch ihr ach so stressiges Leben kaum Zeit für ihr sonst so vergöttertes Kind und kompensieren dies mit Geld. Und in der Sprechstunde werfen sie dann beim Lehrer ihre ganze Wichtigkeit in die Waagschale.
Die Gymnasien wurden schon reformiert. Bekommen haben wir ein hastig beschlossenes und auch schon nachgebessertes G8. Es wurde eingeführt, weil unsere Absolventen im internationalen Durchschnitt zu alt werden. Schuld daran ist aber nicht das dreizehnte Schuljahr. Sicher habe ich das Abiturjahr immer als verkürztes Rumpfschuljahr erlebt (ein historisches Erbe aus der Zeit, als man die Wehrpflicht von W18 auf W15 reduzierte). Die Schüler wurden im Abiturjahr nicht mehr gefordert, der männliche Teil konnte sich schon mal auf die Gammelei vorbereiten, die im darauf folgenden Wehr- und häufig auch im Ersatzdienst stattfindet. Und dadurch geht ein Jahr verloren und der Wiedereinstieg ins Lernen muss auch erst wieder geschafft werden. Das gilt natürlich nur für die jungen Männer, die nicht “clever” genug sind, den Pflichtdienst zu vermeiden. Aber so ist das mit der Wehrgerechtigkeit, wie häufig im Leben ist nicht nur der “Ehrliche” sondern auch der “Ungeschickte der Dumme”.
Auch universitäre Reformen mit neuen Abschlüssen habe die Erwartungen nicht erfüllt. Mein verehrter Professor F.L. Bauer hat zu den neuen Universitäts-Abschlüssen Bachelor und Masters mal gesagt, dass sie von Menschen eingeführt worden sind, die die Begriffe toll fanden, aber nie begriffen hätten, was sie bedeuten würden. Studiengebühren wurden auch eingeführt, aber nicht durch Stipendien für sozial schwächere ergänzt. So verzichten offensichtlich Abiturienten aus Nicht-Akademiker-Familien immer mehr auf den Besuch der Unversität, was ja auch nicht Ziel sein kann.
So ist die Bildungspolitik kein Glanzstück unserer Politik. Widersprüchliche Forderungen werden gestellt, beliebige Aussagen gemacht, müde Kompromisse geschlossen. Es gibt keine übergreifende Strategie und kein Konzept, nicht einmal der Wille zu einer klaren Reform ist zu erkennen. Und das Thema wird zwischen Bundes- und Länderhoheit zerrieben.
Wir brauchen aber dringend ein förderndes und forderndes Bildungssystem, das Menschen Werte vermittelt, die Errungenschaften einer aufgeklärten und demokratischen Gesellschaft verteidigt und vor allem den Heranwachsenden die Chance gibt, ihr Leben eigenverantwortlich zum Gelingen zu bringen. Die Lehrer müssen wieder in die Lage versetzt werden, Autorität zu zeigen und Respekt zu lehren. Und selbstverständlich müssen wir unsere jungen Menschen befähigen, auch fachlich in einer nicht trivialen Zukunft überleben zu können. So brauchen wir klare und effiziente Ausbildungslinien, in sich homogen und konsistent, von der Grundschule ins Leben oder bis hin zur Universität, und dies ohne Unterbrechungen wie Wehrdienst oder Ersatzdienst!
Aber da sind wir dann bei besonders heiligen Kuh, der Wehrpflicht. Und über die sollte man auch reden, ohne Sachzwänge und ideologische Prägung. Mir hat man seinerzeit als W18 gelehrt, dass wir “unsere” Bundeswehr für die Verteidigung unserer Demokratie und Heimat (und unserer Frauen) bräuchten. Heute soll sie weltweit den Kampf gegen den Terrorismus führen und eh nicht befriedbare Länder wie Afghanistan befrieden (und vielleicht demnächst im Inneren eingesetzt werden). Damals war die Bundeswehr eine Massenarmee, durch die Wiedervereinigung musste sie deutlich verkleinert werden und soll eine Armee von Spezialisten sein. Passt das noch zu einer Wehrpflicht?
Die Hoffnung bleibt, dass mit dem Thema “6 Jahre Grundschule” in den Koalitionsverhandlungen zur Bildung der Bayerischen Regierung ein erster Grundstein für eine neue Bildungspolitik gelegt wird. Und Gymnasien und Hochschulen besser aufeinander abstimmt werden. Und wenn man im Sinne einer kontinuierlichen und effizienten Ausbildung dann auch noch gleich über die Abschaffung der Wehrpflicht nachdenken würde, wäre das wirklich schön!
RMD
Die nächste Veranstaltung im IF-Forum der InterFace AG wird am
Donnerstag, 13. November 2008
ab 17:00 in Neuperlach (München) stattfinden.
IF-Forum findet dreimal im Jahr statt. Im IF-Forum treffen sich Kunden, Partner, Mitarbeiter und Freunde der InterFace AG. Unsere Gäste kommen aus Wirtschaft, Forschung, Technik und Politik. Im Mittelpunkt eines jeden IF-Forums steht ein kompetenter Referent, der zu einem aktuellem Thema berichtet. Nach dem Vortrag findet ein zwangloses Dinner in entspannter Atmosphäre statt, das von unseren Gästen regelmäßig zu einem anregenden Gedankenaustausch genutzt wird. Oft entwickeln sich sehr spannende Diskussionen.
Nach den Vorträgen von Herrn Dr. Simon Grand (RISE St. Gallen) im Frühjahr und Herrn Dr. Klaus-Jürgen Grün (PhilKoll Frankfurt) ist dies der dritte und letzte Vortrag im IF-Forum des Jahres 2008. Im Februar 2009 planen wir die Reihe mit einem Vortrag von Herrn Heribert Prantl fortzusetzen.
Als Referent für den 13. November konnten wir Herrn Jörg Schindler gewinnen. Herr Schindler ist Geschäftsführer der Ludwig-Bölkow-Systemtechnik GmbH (http://www.lbst.de/). LBST ist der strategische Berater für nachhaltige Energie- und Verkehrssysteme.
Herr Schindler wird in seinem Vortrag verschiedene Themen kritisch untersuchen und eine Reihe zentraler Fragen beantworten:
- Peak Oil ” ist jetzt! Wir erleben gerade einen singulären Strukturbruch.
- Was ist die künftige Rolle der übrigen fossilen/nuklearen Energieträger (Kohle, Erdgas, Uran)?
- Was erwartet uns? In den nächsten 2 Jahrzehnten beginnt die Transition in ein postfossiles Zeitalter.
- Wie kann eine Zukunft ohne fossile Energieträger aussehen? Die Folgen für Lebensstile, Wirtschaft und Mobilität.
Herr Schindler versteht es wie kein zweiter, diese zentralen Themen wissenschaftlich begründet und ohne ideologische Ambitionen objektiv und spannend zu berichten.
Die Plätze bei IF-Forum sind begrenzt, die Einladungen erfolgen persönlich. Wenn Sie an einer Teilnahme interessent sind, bitte ich Sie, sich an Carola Muck (carola.muck@interface-ag.de) oder mich (roland.duerre@interface-ag.de) zu wenden.
RMD
In der gegen die Bildungsphilister seiner Epoche gerichteten unzeitgemäßen Betrachtung Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben führt Friedrich Nietzsche den Begriff der „Effekte an sich“ ein. Für Nietzsche sind die “Effekte an sich” das Kriterium der monumentalischen Historie. Diese ist von eigentümlicher Attraktivität für solche Individuen, denen die Last des Daseins in der Gegenwart nur zu ertragen ist, wenn sie sich daran erinnern dürfen, dass es große Menschen mit großen Ideen und eben so großem Schaffensdrang gegeben habe. Er denkt an die Caesars, die Goethes, die Newtons. Weil es die Weltgeschichte einmal vermocht habe, solche welthistorische Individuen und ihre großen Taten hervorzubringen, sollte dies auch jederzeit wieder möglich sein.
Diese verbreitete Denkweise - so erkannte Nietzsche richtig - leidet unter einer sträflichen Vernachlässigung der Kategorie der Ursache. In dieser Vernachlässigung entsteht die Vorstellung von Effekten an sich. Sie entstehen, scheinbar aus dem Nichts. Jedenfalls ist der Mensch besessen von dem Glauben, dass er sie jederzeit selbst hervorbringen könnte. Er müsse nur ausreichend wollen.
Effekte an sich sind die von ihren Ursachen losgelösten Resultate. Sie scheinen sich souverän verschieben zu lassen. Als eine Ansammlung einzelner großer Taten und Ereignisse könne man sie festhalten, wie eine bare Münze einstreichen und nach Belieben wieder ausgeben. Es scheint, als seien sie unverursacht - nur hervorgebracht, von tatkräftigen Individuen, die sich spontan zu Großem entschlossen haben.
Nietzsche erkannte auch, dass die Vorstellung solcher Effekte an sich, solcher unverursachter Ursachen, für die Menschen einen unendlichen Nutzen haben. Dies verkennen viele Leugner des freien Willens der Menschen in Geschichte und Gegenwart. Sie übersehen, dass der Mensch die Einsicht in seine Bedeutungslosigkeit nicht ertragen kann. Sein Narzissmus sagt dem Menschen, dass er kann, wenn er nur will. Und was er will, sei nicht der Effekt am Ende einer Kausalkette, sondern die notwendige und hinreichende Bedingung für Effekte an sich. Indem der Mensch Effekte an sich hervorbringt, stärkt er seine Illusion einen freien Willen zu besitzen.
Freiheit bestimmte Immanuel Kant als die Fähigkeit, einen Vorgang von selbst anfangen zu können. Was demnach als Folge dieser Wirkung von Freiheit entsteht, sind Effekte an sich. Sie verdanken sich keiner Ursache, sondern der Wirkung einer qualitas occulta, einer Kraft, deren Herkunft und Stärke sich nicht aus vorhandenen Kräften ableiten und bestimmen lasse. Daher entziehe sie sich dem Licht der Ursachenforschung. Stets kommt also in dieser Illusion ein in Größe, Stärke und Richtung unbestimmbarer Aspekt der Freiheit zu einer menschlichen Handlung hinzu.
Einem Menschen, dem eine philosophische oder eine naturwissenschaftliche Theorie zumutet, seine Handlungen nicht mehr als Effekte an sich verstehen zu dürfen, fügt dem Individuum eine unzumutbare Kränkung zu. Denn das Individuum soll sich damit abfinden, dass es nicht gottähnlich sei. Wenn wir in unserer Gegenwart immer wieder hören, dass es unredlich sei, den freien Willen zu leugnen, dann hängt dies mit dem - meist unbewussten - Wunsch des Menschen zusammen, gottähnlich sein zu können.
Aristoteles hatte weise erkannt, dass ein treffender philosophischer Begriff für Gott der “Unbewegte Beweger”, oder die “unverursachte Ursache” sei. Allen Vorstellungen von Gott entspricht es noch heute, Effekte an sich hervorbringen zu können. Nichts weniger als das gesamt Universum ist aus der Sicht des frommen Christen oder Moslems ein solcher Effekt an sich. Denn aus freien Stücken, ohne Zwang oder an eine andere Naturnotwendigkeit gebunden gewesen zu sein, hatte Gott die Welt erschaffen. Zu seiner Macht und seiner Verfügungsgewalt über Freiheit gehörte es immer schon, die Schöpfung auch unterlassen haben zu können.
Die größte Kränkung des Narzissmus der Menschen war es stets, wenn er Angst haben musste, nicht gottähnlich sein zu dürfen. In der Vorstellung vom freien Willen erlebt der Mensch diese Gottähnlichkeit am stärksten. Denn er kann sich denken, dass eine Handlung nur dadurch zustande gekommen ist, dass sein freier Willensentschluss die Handlung in die Wirklichkeit gesetzt habe. Aber die Vorstellungen von Gott lassen sich in der Gegenwart weniger und weniger verteidigen. Nirgendwo mehr darf der Mensch in der aufgeklärten Welt noch an seine Gottesähnlichkeit glauben, wenn nicht in der Vorstellung vom freien Willen. Nur unter der Bedingung, dass eine Handlung sich nicht vollständig in der Kette von determinierenden Bedingungen einfügt, ist diese Vorstellung der Gottesähnlichkeit des Menschen noch zu retten.
Daher sollten wir verstehen, warum weder philosophische Theologen noch theologische Philosophen in unserer Gegenwart bereit sein können, die Vorstellung von einem freien menschlichen Willen zugunsten einer wissenschaftlich einwandfreien Beschreibung des Zustandekommens einer menschlichen Handlung aufzugeben. Erst wenn ein gleichwertiger Ersatz von Naturwissenschaftlern angeboten wird, ist ein Fortschritt der Erkenntnis zu erwarten. Auch Naturwissenschaftler dürfen den Menschen nur sagen, wie es wirklich um ihn bestellt ist, wenn sie ihm die Möglichkeit lassen, groß von sich zu denken.
Denn wie soll der Mensch den Mut und die Kraft aufbringen, Großes zu leisten, wenn er sich dabei nicht mehr selbst groß fühlen darf? Groß für den Menschen aber sind seine Effekte an sich: unter gleichen Bedingungen wären sie niemals entstanden, wenn nicht das einzigartige, unverursachte und unerzwungene „Ich will es“ sie in die Welt gesetzt hätte.
Agiles Schätzen und Planen
10.10.08
In unseren Erfahrungen mit Scrum hat sich in der Vergangenheit immer wieder gezeigt, dass eine sorgfältige Sprint-Planung mit das Wichtigste Artefakt in Scrum ist. Sie entscheidet darüber, ob der anschließende Iterationszyklus das gewünschte Ergebnis liefert, oder aber in einem kompletten Chaos endet. Letzeres soll natürlich vermieden werden, wenn es irgendwie geht. Doch wie stellt man das am besten an?
Als Beispiel für eine funktionierende Sprintplanung möchte ich hier die Methode vorstellen, die Henrik Kniberg in seinem sehr empfehlenswerten Buch „Scrum and XP from the trenches“ gibt.
Grundlage für eine erfolgreiche Sprint-Planung ist ein einigermaßen sauber geführtes Product Backlog. Mit „einigermaßen sauber” meine ich hier:
- Es sollte existieren,
- auf dem aktuellen Stand sein, und
- die einzelnen Einträge sollten nach Geschäftswert priorisiert sein.
Ideal wäre außerdem noch, wenn es zu jedem Eintrag noch ein definiertes Abnahmekriterium gäbe („How to demo”), da sich so im Vorfeld bereits einige Missverständnisse ausräumen lassen (etwa über den Umfang des Eintrags). Dies alles liegt natürlich in der Verantwortlichkeit des Product Owners. Es ist daher unbedingt erforderlich, dass dieser seine Aufgabe auch ernst nimmt!
Sind diese Voraussetzungen erfüllt, so kann die eigentliche Planung beginnen. Hierfür sollte man sich genügend Zeit nehmen. Mein Vorschlag ist, sich pro Woche, die der anschließende Sprint dauert, in etwa 1 Stunde Zeit zu nehmen. Bei einem 4-wöchigen Zyklus wären das also 4 Stunden. Hört sich zwar lange an (das ganze Team einen halben Tag in Beschlag zu nehmen), ist aber jede investierte Minute wert!
Am Ende sollte man folgendes erreicht haben:
- Man hat ein Ziel für den Sprint festgelegt,
- ein Sprint Backlog erstellt,
- Termine für Sprint Review und das tägliche Statusmeeting ausgemacht, sowie
- eine Liste der Teammitglieder samt ihrer Verfügbarkeit.
Zuerst sollte man sich Gedanken darüber machen, welche Einträge aus dem Product Backlog man für den neuen Sprint übernimmt. Da diese Einträge nach Geschäftswert priorisiert sind ist dieser Schritt zunächst einmal relativ leicht:
Man beginnt am oberen Ende der Liste und übernimmt einfach so viele Einträge, wie man meint innerhalb einer Iteration realisieren zu können. Wieviele Einträge dies sind? Dazu schätzt man den Aufwand der ausgewählten Einträge und gleicht den ermittelten Wert dann mit den Erfahrungswerten aus vorangegangenen Iterationszyklen ab. Diese Technik wird „yesterday’s weather” genannt.
Natürlich steht ein solcher Erfahrungswert nicht immer zur Verfügung. Sollte dies der Fall sein, so kann man auch eine einfache Art der Ressourcenkalkulation verwenden. Basis hierfür bildet die Zahl der verfügbaren Manntage im Sprint. Bei einem 4-wöchigen Sprint in einem Team von 5 Leuten könnte eine solche Planung dann etwa wie folgt aussehen:
- Adam: 20 Manntage
- Bertram: 18 Manntage (hat 2 Urlaubstage genommen)
- Cäsar: 20 Manntage
- Dora: 10 Manntage (steht nur zu 50% zur Verfügung)
- Egbert: 20 Manntage
Insgesamt stehen für den Sprint also 88 Manntage zur Verfügung. Kann man nun also in diesem Sprint also nun Einträge im Wert von 88 Story Points realisieren? Nein, da die Einheit für Story Points aus „idealen Manntagen” besteht. Ein solcher idealer Manntag ist ein Tag, an dem eine Person die ganze Zeit über produktiv arbeitet, ohne jegliche Art von Pausen, Störungen oder Krankheit. Dies kommt in der Realität natürlich nicht allzu häufig vor. Der tatsächliche Wert wird daher etwas unter diesem Idealwert liegen. Diesen Unterschied zwischen idealem und realem Wert nennt man auch den „Fokusfaktor”.
Die Anzahl der in einem Sprint erreichbaren Story Points ist also [Zahl der Manntage] x [Fokusfaktor]. Den Fokusfaktor kann man z.B. aus vorangegangenen Sprints berechnen (über die Formel: Fokusfaktor = [realisierte Story Points] / [ Gesamtzahl Manntage]). Besser noch ist es natürlich, einen Mittelwert über mehrere Sprints zu verwenden.
Angenommen, im letzten Sprint wurden bei 90 zur Verfügung stehenden Manntagen Stories im Wert von 60 Story Points realisiert, so errechnet sich daraus ein Fokusfaktor von 60/90 = 0,66.
Für den neuen Sprint würde das dann bedeuten, dass wir damit planen können, insgesamt Einträge in der Höhe von 88 * 0,66 = 58 Story Points umzusetzen.
Was aber, wenn noch kein solcher Fokusfaktor existiert? Hier könnte man versuchen, ins Unternehmen zu schauen und ein Team zum Vorbild zu nehmen, das unter vergleichbaren Umständen arbeitet, oder aber (falls auch das nicht möglich ist) einfach einen Faktor zu schätzen. Dies hört sich im ersten Moment zwar etwas unprofessionell an, ist aber vertretbar, da dieser Fall eh nur im ersten Sprint eines neuen Projekts auftreten kann. Bereits ab dem zweiten Sprint kann man wieder echte Daten verwenden. In der Literatur (Link einfügen: „Scrum and XP from the trenches”) findet sich hier ein Wert von ~0,7, was auch in etwa unseren Erfahrungen entspricht. Falls Sie sich also keinen Wert selbst ausdenken wollen, so können Sie gerne diesen verwenden.
Der Fokusfaktor eignet sich übrigens nicht nur zum Planen eines neuen Sprints. Da er ja die Differenz zwischen idealen und tatsächlichen Manntagen darstellt, beinhaltet er somit auch alle Umweltfaktoren. Dies kann auch als Druckmittel bei Verhandlungen mit dem Product Owner dienen, wenn es etwa darum geht, Probleme zu beseitigen, die das Team in seiner täglichen Arbeit behindern. Man denke hier nur an eine im Hochsommer ausfallende Klimaanlage oder an häufig auftretende Netzwerkprobleme. Beides würde sich in einer Verringerung des Fokusfaktors niederschlagen, und somit einen direkten negativen Einfluss auf den Projekterfolg haben. Eine Beseitigung dieser Probleme hätte jedoch wieder eine Erhöhung des Fokusfaktors zur Folge, und damit auch eine Erhöhung der realisierbaren Story Points innerhalb eines Sprints.
Am Ende dieses Abschnitts wissen wir nun also, wie viele Story Points wir in diesem Sprint realisieren können. Um nun jedoch zu einer tatsächlichen Liste von Funktionen zu kommen, müssen zuerst noch alle in Frage kommenden Einträge des Product Backlogs beschätzt werden. Die Methode, die wir in solchen Fällen immer einsetzen, nennt sich „Planning Poker”. Wie diese genau funktioniert, darüber mehr im nächsten Artikel.
BFE


