Seit einem halben Jahr darf ich bei Manage&More mitmachen, einer Aktivität von unternehmerTUM. Ich übe mich dort in der Rolle eines Mentors und habe einen Mentee. Bis vor kurzem wusste ich gar nicht, was ein Mentee ist, mittlerweile bin ich selber ein Mentee und zwar in Sachen Wikipedia. Das ist aber eine andere Geschichte.
Mein Mentee heißt Michael, er passt also auch vom Namen gut zur Überschrift. Michael ist ein sympathischer und authentischer Typ, früher hätte man gesagt, “einer mit dem man Pferde stehlen gehen kann”. Alle 4 - 6 Wochen treffen wir uns und sprechen über ein vorher vereinbartes Thema. Mal berichtet der eine und der andere spiegelt und fragt nach und mal machen wir das anders herum. So lernen wir voneinander einiges. Zum letzten Treffen hat Michael mir eine E-Mail gesendet: “Lass uns doch mal über Motivation sprechen!?” Das Thema hat mich angesprochen. Denke ich doch oft selbst genug darüber nach, wie meine Motivationslage so ist und warum ich für manche Themen gar nicht zu motivieren bin. Vorbereitet hab ich mich auf das Treffen zu erstmal mal, in dem ich - wie fast immer - den Begriff in Wikepedia gesucht habe. Da stand einiges zu Motivation drin. Ich habe es ausgedruckt, es waren 13 Seiten - und in der Tat war kaum etwas Falsches oder wirklich Unwichtiges dabei.
Michael wollte über Motivation mit mir sprechen, weil ihm in einem Feedback-Gespräch zurück gemeldet wurde, dass er ab und zu in Besprechungen seine Unlust zu gewissen Themen nicht verbergen könne und durch dieses “Fehlverhalten” die anderen Teilnehmer der Besprechung demotivieren würde. Und wie alle anständigen Menschen hat er zuerst die Schuld bei sich selbst gesucht. Aber Heucheln ist nun mal gar nicht so sein Ding.
Die spannende Frage war: Was soll man machen, wenn man in einer Besprechung an einem Thema mitwirken muss, das einem völlig unsinnig erscheint, man aber aus irgendwelchen Sachzwängen dabei sein muss. Ich glaube, das passiert uns allen hin und wieder - und wahrscheinlich in größeren Organisation noch häufiger als in kleinen.
Soll man dann heucheln, das Desinteresse verbergen und einfach aufs Tempo drücken, damit die grausame Besprechung schnell zu Ende geht und man sich dann ganz schnell wieder seinen wichtigen und geliebten Aufgaben widmen kann? Oder soll man den anderen Beteiligten ehrlich sagen, das man das Thema für nicht relevant hält, die eigene Beteiligung deswegen eh nicht zielführend wäre und dann die Besprechung mit einem freundlichen “Das könnt Ihr ohne mich ja eh viel besser, ruft mich an, wenn ihr das Thema durch habt!” verlassen?
Eine andere Idee: Man könnte sich auch das ungeliebte Thema zu eigen machen und sich die Frage stellen, welche Bedingungen denn erfüllt sein müssten, damit man es selber auch für sinnvoll erachten kann? Dann würde man sicher gute Argumente finden, die man trefflich einsetzen könnte oder die aber den eigenen Standpunkt verändern würden.
Wenn man aber wirklich der Meinung ist, dass das Thema absoluter Blödsinn ist, dann müsste man doch die Zivilcourage aufbringen, dies zu formulieren und einen innovativen Verbesserungsvorschlag zu machen - auch wenn man vor der Macht von entpersonalisierten und sich verselbstständigten Systemen resigniert hat und keine Chance sieht, etwas positiv zu wenden.
Wie man sieht, das Problem ist nicht einfach. Ich glaube, dass Heucheln und “Gute Miene zum bösen Spiel machen” die schlechteste Empfehlung ist.
Die Ängste der Manager
01.11.08
Es gibt schon wieder Neuigkeiten in IF-Blog. Wir haben jetzt eine neue Seite “Dokumente“. Auf dieser Seite werden wir regelmäßig interessante Artikel zum Herunterladen, Lesen und Ausdrucken anbieten. Als ersten Beitrag stellen wir die Mitschrift einer Rede bereit, die Rupert Lay an einem Ronneburger Sonntag im Jahr 2001 gehalten hat. Der Ronneburger Sonntag findet in der Regel zwei Mal im Jahr statt und ist eine Veranstaltung des Ronneburger Kreises, einem gemeinnützigen Verein, der sich für ethisches Verhalten im Alltag wie auch in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft einsetzt.
Hier kann die Mitschrift der Rede von Rupert Lay gelesen und zum Ausdrucken geladen werden. Der Artikel enthält ein Vorwort von Rudi Jansche, redaktionell überarbeitet wurde der Text von Irmgard Huesmann.
Wir bedanken uns beim Ronneburger Kreis, der uns die Veröffentlichung des Textes gestattet hat. Ich freue mich sehr, dass ich eine wichtige Stellungnahme meines Mentors und Freundes Rupert Lay in IF-Blog veröffentlichen kann.
Die Veröffentlichung weiterer Texte von verschiedenen Autoren werde ich regelmäßig im Post-Bereich des Blogs ankündigen.
Ich würde mich sehr freuen, wenn unsere Download-Seite zahlreich genutzt wird.
RMD
Benötigen wir eine neue Moral in Wirtschaft und Politik?
Die Ereignisse der letzten Monate, die in den letzten Wochen Panik, Hysterie und Angst in der Finanzwirtschaft ausgelöst haben, animieren immer mehr Menschen zu der Aussage: „Manager sind gierig, korrupt und völlig abgehoben, ohne Anstand, Moral und Sittlichkeit. Brauchen wir also eine neue Moral in Wirtschaft und Politik? Die Antwort ist einfach: nein, wir benötigen keine neue Moral in Wirtschaft und Politik. Was wir benötigen, ist nur mehr Bereitschaft, sich an Moral und Ethik auch zu halten. Was wir allerdings auch benötigen, ist mehr Kompetenz in Sachen Ethik und Moral.
Denn es sieht nicht gut aus. Schon 2004 hielten laut einer Umfrage des Emnid Instituts für das World Economic Forum 70 Prozent der Deutschen Konzernchefs für unehrlich und stuften das Verhalten als unethisch ein. 80 Prozent der Deutschen halten Konzernchefs für zu mächtig.
Im Vergleich dazu halten nur 22 Prozent der Franzosen deren Wirtschaftsführer für unehrlich. Bei den Engländern sind es 42 Prozent, bei dem Amerikanern 37 Prozent, in Japan 47 Prozent. Wir schießen also den Vogel ab.
Nach einer Untersuchung von Ulich/Lunau/Weber von 1998 besteht zwar in Unternehmen eine stärkere Sensibilisierung für den Sinn und die Notwendigkeit ethisch gerechtfertigten Handelns, eine konsequente Umsetzung in einzelne, Ethik sichernde Maßnahmen steht aber auf breiter Front noch aus. Das betrifft mögliche Instrumente, wie Moralbilanzen, Ethik-Kommissionen oder Moralbeauftragte, Sanktionsrepertoires oder umfassende Ethik-Trainings.
Der sorglose Umgang mit Ethik wird sich wahrscheinlich erst dann nachhaltig ändern, wenn Unternehmen klar wird, dass für 70 % aller europäischen Kunden das soziale Engagement eines Unternehmens die Kaufentscheidung beeinflusst.
Nur fachliche Qualifikation reicht nicht.
Ein hilfreicher Schritt dazu beginnt bereits bei der Personalauswahl. Wer macht in einem Unternehmen Karriere? Manager werden überwiegend nach fachlicher Qualifikation ausgesucht. Ich fordere hier ein Umdenken. Neben der fachlichen Qualifikation ist unbedingt die soziale und ethische Qualifikation zu berücksichtigen. Soziale Qualifikation meint, ein Vertrauensklima herstellen zu können. Ethische Qualifikation bedeutet, kompetent in der Lage zu sein, ein Wertesystem zu implementieren, das nicht nur auf Hochglanzbroschüren gedruckt wird, sondern vorgelebt wird. Ethische Qualifikation bedeutet für mich auch, entscheidungskompetent zu sein. Wenn ich mir allerdings anschaue, wie viele meetings erforderlich sind, und wie viel Zeit investiert wird, um Entscheidungen zu fällen, die sich dann als falsch herausstellen, wird mir manchmal Angst und bange. Dabei ist es eigentlich nicht so schwer, zu sinnvollen Entscheidungen zu kommen. Die griechische und römische Dialketik hat dazu alle Methoden entwickelt, die man nur konsequent lernen und anwenden sollte.
Damit wäre mein Artikel eigentlich schon beendet, wenn es denn so einfach wäre. Aber wir sind alle Kinder dieser Gesellschaft. Auch Wirtschaftsführer und Politiker sind Kinder dieser Gesellschaft. Leider steht es damit nicht immer zum Besten.
Es ist erst wenige Wochen her, da haben CDU und SPD noch aufeinander eingedroschen.
Wie meinen Zuhörern (und dem Veranstalter) zugesagt, hier eine Zusammenfassung meines Vortrages in Kurzform:
Ich habe den Vortrag in drei Themenbereiche gegliedert:
1) Entwicklung von Technologien vom Beginn der Menschheit bis heute!
Seit es Menschen gibt, haben sie Techniken und Technologien entwickelt. Um die Entwicklung von Technologie zu diskutieren, habe ich menschliche Entwicklungen dem Kriterium ihrer Zweckhaftigkeit folgend in zwei Bereiche eingeteilt: Technologien für den Körper und Technologien für den Verstand.
Technologien für den Körper umfassen so alle Entwicklungen, die der Ernährung (”Fressen und Saufen”), des Reduzierens von körperlicher Anstrengung (”Faulheit”), Schützen des Körpers vor Kälte oder Nässe, Bewahren der körperlichen Gesundheit, der Vermehrung bzw. Vermeidung von Vermehrung (Sexualität), der schnellen Fortbewegung (Mobilität), der Entwicklung von Herrschaft und ähnlichem dienen.
Hier sind beispielhaft zu nennen: Jagd, Ackerbau und Viehzucht, Waffen, Feuer, das Rad, Fahrzeuge, Medizin, Schiffe, Fahrrad, geschlossenes Feuer, Lichtquellen, Kraftmaschinen, Automobil, Eisenbahn, Beherrschung der Elektrizität, Flugzeug, Chemie, Pharmazie, Kernspaltung und vieles mehr. Ich habe diese Disziplinen die “Allgemeinen Technologien” genannt.
Technologien für den Verstand umfassen alle Entwicklungen, die dem Erzeugen, Bewahren, Verbreiten und Verarbeiten von Informationen und Ähnlichem dienen. Beispielhaft sind hier: die Entwicklung von Sprache, Bildern und Schrift, Buchdruck, Datenübertragung, Rechenstab, Kurzschrift, Morse-Alphabet, Kabelübertragung, Telefon, Telex, Funk, Rechenmaschine, Schreibmaschine, Schallplatte, Radio, Fernsehen, diverse Aufzeichnungsgeräte, Computer, E-Mail, Internet. Diese Disziplinen habe ich unter dem Begriff der “Informatik” zusammen gefasst. Besonders wichtig waren mir die Begriffe “Digitalisierung” und “Virtualisierung”.
Ordnet man die Entwicklung all dieser Technologien auf einer Zeitachse an, stellt man eine ungeheure Beschleunigung (E-Funktion??) der technologischen Entwicklung fest. Man erkennt auch, wie die “Informatik” die Entwicklung der “Allgemeinen Technologien” vorangetrieben hat. Ohne Buchdruck wären die Technologiesprünge der Neuzeit unmöglich gewesen, ohne mechanische Rechenmaschine hätte keine Atombombe entwickelt werden können und was ein “WEB2″ bringen wird, können wir nur erahnen.
Die gewählte Darstellung lässt einen zweiten wichtigen Aspekt vermuten: Die Entwicklung von relevanten Fortschritt verläuft immer von “unten nach oben”, eigentlich im Sinne eines “automatischen” Prozesses der demokratischen Meinungsbildung und Ziel-/Regelfindung. Dies gilt für die Entstehung von Sprache, Schrift und Mathematik wohl genauso wie für Wikipedia.
2) Zitat von Bertrand Russell
Teil 2 des Vortrages habe ich auf einem Zitat von Bertrand Russel aufgebaut:
Jeder Zuwachs an Technik bedingt, wenn damit ein Zuwachs des menschlichen Glücks verbunden sein soll, einen entsprechenden Zuwachs an Weisheit!
Russel war nicht nur ein bedeutender Mathematiker und Philosoph des letzten Jahrhunderts, sondern auch eines der großen Idole unserer Jugend. Wenn wir seinem Zitat folgen und davon ausgehen, dass der Zuwachs an Weisheit beim Menschen z.B. seit Goethe nicht wesentlich stattgefunden hat, dann könnte man zu dem Schluss kommen, das der Zuwachs an Technologie das Glück der Menschen nicht mehrt. So kommt die Ethik ins Spiel. Vielleicht hilft ethisches Verhalten das “lag” zwischen Technologie und Weisheit ein wenig zu verkleinern.
3) Überlegungen zur Ethik von Managern
Schwerpunktmäßig habe ich über die Ethik der Entscheidung gesprochen. Führungskräfte (sogenannte Manager) befinden sich in einem großen Dilemma: Sie sollen in ihren Entscheidungen Ziele sinnvoll vereinen, die sich massiv widersprechen. Gewünscht wären jetzt sittlich verantwortete und nach sorgfältiger Güterabwägung getroffene Entscheidungen. Leider ist dies aber schwer und erschwert schnelle Entscheidungen. Deswegen behelfen sich viele Manager und Systeme und erleichtern sich die Entscheidungsfindung, in dem sie einen Trick anwenden:
Das geht ganz einfach. Man muss nur die Anzahl der zu vereinenden Ziele reduzieren, am besten auf ein einziges. Dies vereinfacht das Manager-Leben ungemein, ist aber als höchst unethisch zu bewerten und führt fast immer zu unteroptimalen Entscheidungen mit langfristig massiv negativen Folgen. Zwei Beispiele seien hier genannt. Ganz aktuell erleben wir die Weltfinanzkrise: Das singuläre Prinzip des Shareholder Value hat Profit im Bereich der Hochfinanz unisono als einziges Ziel festgelegt. Und dies hat eine Krise von gigantischem Ausmaß bewirkt. Und alle von Analysten getriebenen Unternehmen sind gefolgt - und ändern ihr Verhalten auch heute nicht, obwohl man es jetzt wirklich gelernt haben sollte! Demnächst in diesem Blog gibt es dazu noch ein oder mehr Beispiele.
Doch auch die Titanic musste untergehen, weil der Kapitän den Auftrag hatte, auf der Jungfern-Fahrt das “Blaue Band” zu gewinnen - und dieses Ziel hat er äußerst gewissenhaft befolgt.
RMD
P.S.
Meinen Zuhörern ein herzliches Danke für die vielen Beiträge in der Diskussion nach dem Vortrag.
Oft erlebe ich, dass Mitarbeiter in Großunternehmen ein relativ banal klingendes Daten-Problem haben, für das sie eine Lösung suchen - aber wenig Hilfe bei der IT finden.
Ein Beispiel: Ein sehr großer internationaler Konsumgüterhersteller kauft Verpackungsmateralien zentral für ganz Europa und für 2 Jahre ein (um gute Einkaufskonditionen zu erhalten). Es müssen ca. 50.000 Materalien (Folien unterschiedlicher Stärke, unterschiedlicher Größe mit unterschiedlichen Aufdrucken) bestellt werden. Dazu bittet man weltweit ca. 200 Anbieter um Preisangebote und trifft dann eine Auswahl und eine Kaufentscheidung. Klingt ganz einfach? Nun hat die Einkaufabteilung so wenig Datenbank-Spezialisten und hat nur eine Idee: 200 Excel-Dateien verschicken und die Rückläufe manuell zu analysieren. Da Excel nur 65000 Zeilen zulässt, war die Analyse vor 2 Jahren ein 3-wöchiger Prozeß für ein Team von 8 Leuten (die primär Daten per copy/paste in neue Spreadsheets kopiert haben).
Das muß doch besser gehen? Die eigene IT schlägt ein Einkaufsportal vor: Webbasiert mit einer Oracle-Datenbank. Sicher eine hochprofessionelle Lösung, aber viel zu teuer für eine Einmalaktion (und niemand will sich heute darauf festlegen, wie die nächste Einkaufsrunde in 2 Jahren durchgeführt wird) und unmöglich in kurzer Zeit umsetzbar. Office-Produkte (Excel und Access) werden von der IT nicht unterstützt und als unprofessionell abgetan - dabei könnte man durch Progarmmierung einer Einleseroutine für die Excel-Files und Erstellung einiger Access-Analysen (in Verbindung mit eine MIni-Schulung in Access) enormen Nutzen stiften.
Warum verpasst die “IT” solche Chancen? Ich glaube, es gibt 2 Klassen von “IT-Aufgaben” in Unternehmen. Eine ist das Erstellen, Warten und Betreiben von unternehmenskritischen EDV-Anwendungen (SAP, Flugbuchungssysteme für Airlines, Steuerungsprogramme für Produktionsroboter, …) die praktisch immer verfügbar sein müssen. Für diese Programme sind detaillierte Konzeption, Dokumentation, Grob- und Feinplanung, ausführliche Testphasen, … unerlässlich.
Gleichzeitig gibt es eine Vielzahl von Anwenderproblemen, die Ad-Hoc gelöst werden müssen und nur wenig mehr IT-Know-How benötigen, als der Benutzer hat (Man denke an ein kleines Excel-Makro, das automatisch Daten aus zwei verschiedenen Quellen abgleicht) aber enormes Potential hat (ein halber Tag Programmierung spart jede Woche 8 Stunden manueller Arbeit). Wenn nicht zufällig jemand in der jeweilgen Abteilung “IT-affin” genug ist und sich selbst Wissen angeeignet hat (was aber mangels Ausbildung und Erfahrung oft nur zu einer besseren aber nicht guten Lösung führt), gibt es keinen Ansprechpartner in Unternehmen.
Vielleicht ist es gewollt, dass “die IT” das zu ihren Aufgaben zählt - da das aber nicht klar kommuniziert ist (Was ist Aufgabe der “IT”?), erwarten die Benutzer Unterstützung für Ihre Probleme - und werden frustriert. Vielleicht fehlt in einem Unternehmen einfach nur eine 2.Abteilung “User-Problem solving”, die - unabhängig von IT-Strategie - die drängenden Nöte der Benutzer aufgreift und pragamatisch adressiert?
E2E
Torpedo, SRAM und Fichtel und Sachs
21.10.08
Als Fahrradfahrer fasziniert mich Unternehmens-Biologie besonders dann, wenn es um klassisches Fahrradzubehör geht!
Als Jugendlicher hatte ich 2 wunderschöne Räder. Das erste war ein Rad der Marke Falter. Es war ein Deutsches Markenrad, ich habe es geliebt, weil es die Farben des Regenbogens hatte. Während des WM-Endspiels England - Deutschland (4 : 2) im Jahre 1966 wurde es aus unserem Radkeller gestohlen. Zweifaches Entsetzen. Der Schmerz war groß, über die deutsche Niederlage und über den Verlust meines Fahrrads. Ohne Fahrrad war schlimm, die totale Immobilität.
Dankenswerterweise bekam ich von meinen Eltern ein Ersatzrad geschenkt, das auch ein deutsches Markenrad war (allerdings in schlichtem Grün, die Marke weiß ich nicht mehr). Dies war noch drei Jahre im Dauerdienst und wurde dann in den vorläufigen Ruhestand versetzt, die Automania hatte mich in Form eines schwarz-weiß gestreiften Käfers erfasst. Wieder ausgemottet wurde das Rad erst bei der ersten Energiekrise. Nach längerer Zeit als Nur-Autofahrer habe ich an einem der autofreien Sonntage entdeckt, wie schön Radeln doch wieder sein kann. Ich kann mich noch gut an die leicht schneebedeckten Autobahnen ohne Autos erinnern. Das war das einzige Mal, dass ich auf einer Autobahn in Deutschland geradelt bin. War ein tolles Gefühl, autofreie Sonntage sollte man zumindest alle vier Wochen wieder einführen.
Gemeinsam hatten meine Räder, dass sie eine Torpedo-Dreigangschaltung von Fichtel & Sachs hatten. Die gibt es heute nicht mehr, deshalb habe ich ein wenig recherchiert:
Fichtel & Sachs wurde am 1. August 1895 gegründet. In unserer Jugendzeit war Fichtel & Sachs der Inbegriff für Nabenschaltungen. Jeder kannte Schweinfurt. Wenn wir als Kinder mit dem Zug durch den Bahnhof Schweinfurt gefahren sind, wussten wir, dass hier die Schaltungen gebaut wurden, die wir an unseren Rädern hatten.
1997 wurden die Fahrradkomponenten der deutschen Sachs an SRAM verkauft. SRAM ist ein amerikanisches Unternehmen für Fahrradkomponenten mit Sitz in Chicago. SRAM wurde 1987 (also 102 Jahre nach Fichtel & Sachs) gegründet. Die europäische Konzernzentrale von SRAM befindet sich in den Niederlanden, die asiatische in Taiwan. Nach schwerem Start hat sich SRAM nach der Übernahme der deutschen Sachs gut entwickelt.
Für mich ist der Verkauf von Sachs Fahrradkomponenten an SRAM ein gutes Beispiel für eine unternehmerisch vielleicht auf kurze Sicht nachvollziehbare aber langfristig gesamtwirtschaftlich falsche Entscheidung. Sicher wurde in Deutschland 1997 das Geschäft mit Fahrradschaltungen als uninteressant und wenig zukunftsträchtig bewertet. Außerdem war es kleinteilig und bestimmt nicht geeignet, hohe Umsatz- und Rendite-Visionen zu beflügeln. Also hat es gestört und musste weg. Aber es war ein verlässliches Geschäft mit langfristiger Perspektive, das Know-How von fast einem Jahrhundert steckte im Unternehmen. Dass der Käufer ein amerikanisches Unternehmen war, das erst 10 Jahre vorher gegründet wurde und noch gar nicht so toll lief, finde ich auch nicht so gut.
Für den Nabenschaltungsfan gibt es aber einen Trost. 1986 wurde Rohloff von einem jungen Ehepaar gegründet. Das kleine Unternehmen verdiente sein Geld lange Jahre mit der Herstellung von hochwertigen Fahrradketten und später mit einem Kettennietwerkzeug namens Revolver. 1996 tat es einen mutigen Schritt nach vorne: eine über Jahre entwickelte neue Nabenschaltung war endlich serienreif (siehe die Chronik von Rohloff). Es gibt nur einen Wermutstropfen: Eine Rohloff-Schaltung kostet (ohne Fahrrad) so in Richtung 1.000 EURO. Bei Utopia ist z.B. der Aufpreis für eine Rohloff-Schaltung zu einer SRAM27-Gang DualDrive beim London exakt 750 Euro. Trotzdem ist die Rohloff ein Renner geworden. Ich nehme an, dass die Entwicklung der Rohloff-Schaltung eine typische Entscheidung war, wie sie nur mittelständische Unternehmen treffen können. Wahrscheinlich wurde sie aus dem laufenden Geschäft finanziert und in der Freizeit der Unternehmer entwickelt. Keine Bank hätte die Entwicklung einer Nabenschaltung mit einem Zielpreis von über 1.500 DM finanziert.
Der Vollständigkeit will ich hier auch noch die Nummer 1 erwähnen:
Shimano wurde als Shimano Iron Works 1921 gegründet. Die Japaner haben ihr Geschäft fleißig ausgebaut (und sind nicht verkauft worden wie Sachs). Shimano ist das “Microsoft” in der Welt der Fahrradkomponenten. Wahrscheinlich hat Sachs auch wegen der Dominanz von Shimano seine Fahrradkomponenten verkauft.
Und natürlich muss auch die Firma erwähnt werden, die unsere Radrennfahrer-Herzen höher schlagen hat lassen, deren Schaltungen für uns aber unerreichbar waren: Campagnolo wurde 1933 durch Tullio Campagnolo gegründet. Campagnola stattet heute seine Produkte zwar zum Teil auch mit Shimano-Komponenten aus (seine Laufräder mit Naben von Shimano …), hat aber nach meinem Wissen bis heute seine Eigenständigkeit bewahrt.
RMD
Die nächste Veranstaltung im IF-Forum der InterFace AG wird am
Donnerstag, 13. November 2008
ab 17:00 in Neuperlach (München) stattfinden.
IF-Forum findet dreimal im Jahr statt. Im IF-Forum treffen sich Kunden, Partner, Mitarbeiter und Freunde der InterFace AG. Unsere Gäste kommen aus Wirtschaft, Forschung, Technik und Politik. Im Mittelpunkt eines jeden IF-Forums steht ein kompetenter Referent, der zu einem aktuellem Thema berichtet. Nach dem Vortrag findet ein zwangloses Dinner in entspannter Atmosphäre statt, das von unseren Gästen regelmäßig zu einem anregenden Gedankenaustausch genutzt wird. Oft entwickeln sich sehr spannende Diskussionen.
Nach den Vorträgen von Herrn Dr. Simon Grand (RISE St. Gallen) im Frühjahr und Herrn Dr. Klaus-Jürgen Grün (PhilKoll Frankfurt) ist dies der dritte und letzte Vortrag im IF-Forum des Jahres 2008. Im Februar 2009 planen wir die Reihe mit einem Vortrag von Herrn Heribert Prantl fortzusetzen.
Als Referent für den 13. November konnten wir Herrn Jörg Schindler gewinnen. Herr Schindler ist Geschäftsführer der Ludwig-Bölkow-Systemtechnik GmbH (http://www.lbst.de/). LBST ist der strategische Berater für nachhaltige Energie- und Verkehrssysteme.
Herr Schindler wird in seinem Vortrag verschiedene Themen kritisch untersuchen und eine Reihe zentraler Fragen beantworten:
- Peak Oil ” ist jetzt! Wir erleben gerade einen singulären Strukturbruch.
- Was ist die künftige Rolle der übrigen fossilen/nuklearen Energieträger (Kohle, Erdgas, Uran)?
- Was erwartet uns? In den nächsten 2 Jahrzehnten beginnt die Transition in ein postfossiles Zeitalter.
- Wie kann eine Zukunft ohne fossile Energieträger aussehen? Die Folgen für Lebensstile, Wirtschaft und Mobilität.
Herr Schindler versteht es wie kein zweiter, diese zentralen Themen wissenschaftlich begründet und ohne ideologische Ambitionen objektiv und spannend zu berichten.
Die Plätze bei IF-Forum sind begrenzt, die Einladungen erfolgen persönlich. Wenn Sie an einer Teilnahme interessent sind, bitte ich Sie, sich an Carola Muck (carola.muck@interface-ag.de) oder mich (roland.duerre@interface-ag.de) zu wenden.
RMD
Natürliches und Übernatürliches
29.09.08
Die Bereitschaft zur Unwissenheit - Ein Nachwort zur Papst-Euphorie
Wahrheitsfreunde
In seinem berühmten Dialog Über Religion legt Arthur Schopenhauer dem Wahrheitsfreund Philalethes die folgenden Worte in den Mund: „Denn, du weißt es, die Religionen sind wie die Leuchtwürmer: sie bedürfen der Dunkelheit um zu leuchten. Ein gewisser Grad allgemeiner Unwissenheit ist die Bedingung aller Religionen, ist das Element, in welchem allein sie leben können. Sobald hingegen Astronomie, Naturwissenschaft, Geologie, Geschichte, Länder- und Völkerkunde ihr Licht allgemein verbreiten und endlich gar die Philosophie zum Worte kommen darf…“ Betrachten wir einmal das Bündnis der katholischen Kirche mit der Unwissenheit des Volkes und fragen uns, ob auch die katholische Religion noch heute auf jenen „gewissen Grad an allgemeiner Unwissenheit“ setzt und ob wir es uns heute in einem von Pisa-Studien gebeutelten Bildungsklima noch leisten können, mit Absicht Unwissenheit zu verbreiten?
Das Verwischen von Spuren der Wissenschaft ist nach wie vor eine wirkungsvolle Strategie, um den Weg zum Glauben rein zu halten. Die Strategie der Gelehrten der katholischen Kirche hat sich in ihrer zweitausendjährigen Geschichte nicht verändert und beruht auf der einen Voraussetzung: Die Aussagen des Glaubens, die Verkündigungen der Offenbarung werden als Aussagen mit mindestens demselben Wahrheitswert betrachtet, wie Aussagen über unsere natürliche Welt. Ja, es wird überdies vorausgesetzt, dass die zu glaubenden Wahrheiten leichter zu haben sind, als die Wahrheiten, die Wissenschaft mühsam erarbeiten muss.
Religion und Magie
Die Gegenstände der Religion - vor allem diejenigen der katholischen Christen (Jungfrauengeburt, Wunderheilung, das leere Grab, Auferstehung des Fleisches, Transmutaton von Wein in Blut sowie von Brot in Fleisch und vieles mehr) - sind jedoch nicht von derselben Qualität wie die Gegenstände unseres alltäglichen Lebens. Damit katholische Lehre wirken kann, muss sie von jedem Gläubigen erwarten, dass er diese übernatürlichen Wahrheiten nicht mit demselben Maß misst, wie die natürlichen Wahrheiten, und dass er das Maß für übernatürliche Wahrheiten für wichtiger hält. Besser noch ist es, wenn der Gläubige den Unterschied vollkommen verwischt.
Glänzende Geschäfte reichen nicht!
18.09.08
Massenentlassungen trotz hoher Gewinne. Wo Wirtschaft unredlich wird!
Wir sollen uns nicht daran gewöhnen, wenn Vorstandsvorsitzende Stellenabbau und steigende Gewinne in einem Atemzug verkünden. meint unser Autor Ulf D. Posé. Er schaut immer wieder in die Hochglanzbroschüren der Unternehmenswerte und untersucht ihre Leitlinien. Er stellt fest:Theorie und Praxis liegen Lichtjahre auseinander. Immer mehr Menschen werden von Unternehmen nur noch als “human ressource” betrachtet. Die Logik der sozialen Marktwirtschaft aber lautet anders: Je größer der wirtschaftliche Erfolg, desto mehr kann und muss ein Unternehmen tun, um das soziale Miteinander zu optimieren. Hier das Fazit von Ulf Posé, dem Präsident des Ethikverband der Deutschen Wirtschaft (EVW), einem eingetragenen Verein mit 17.500 Mitgliedern (Stand: März 2008).
Wir müssen zwei Dinge auseinanderhalten: Zu verurteilen ist nicht, dass Unternehmen Gewinne machen oder nach solchen streben. Zu kritisieren ist hingegen, unter welchen Umständen manche Unternehmen ihre Gewinne erwirtschaften. Vor allem dann, wenn sie trotz hoher Gewinne Menschen “freisetzen”. Bei hervorragenden Gewinnen, die weit über den Erwartungen liegen, und Eigenkapitalrenditen, die den Branchendurchschnitt weit übersteigen, gleichzeitig Stellenabbau zu betreiben, ist in höchstem Maße unredlich und zeugt von einer Haltung, die den ökonomischen Erfolg absolut setzt. Überdies noch zu behaupten, dies geschehe zur Sicherung des Unternehmensbestandes, ist genauso unredlich, wenn dieser Bestand de facto gar nicht gefährdet ist. mehr »
Medien und Ethik!?
23.08.08
Ist der Ruf erst ruiniert …
… quatscht man völlig ungeniert!
Viele wollen in die Medien, viele Medien wollen die Sensation. Die Folge: Viele betrachten sich als Sensation. Unsinn, sagt unser Autor Ulf D. Posé. Er plädiert für eine neue Medienethik. Sie soll für Manager genauso wie für Journalisten gelten. Im Mittelpunkt stehen wieder mehr Glaubwürdigkeit, Kompetenz und Selbstverantwortung. Leider bleibt dies im harten Mainstream häufig auf der Strecke. Das mediale Hinrichtungsgeschäft macht Henker und Delinquent austauschbar. Manager lügen, Journalisten manipulieren. Und das Publikum steht herum und plappert den Lug und Trug nach.
Verwechsle niemals Öffentlichkeitsarbeit mit Werbung!!
Fangen wir mal ganz von vorne an. Unter Öffentlichkeitsarbeit versteht man ein Instrument, das Vertrauen, Sympathie, ein noch besseres Image aufbauen und erhalten will. Das sollte man nicht mit Werbung verwechseln. Werbung verfolgt absatzpolitischen Interessen. Hier geht es darum, Produkte und Dienstleistungen zu verkaufen, höhere Marktanteile und/oder Erträge zu erzielen. Schon hier zeigt sich, dass Öffentlichkeitsarbeit häufig missbraucht wird, um Werbung zu betreiben. Das Problem dabei: Wer unter falscher Flagge segelt, sollte sich nicht wundern, wenn er unglaubwürdig wirkt. Sinn effizienter Öffentlichkeitsarbeit kann es nur sein, das Vertrauen der Öffentlichkeit zu gewinnen und durch gezielte Aktionen die guten Beziehungen des Unternehmens zur Öffentlichkeit auf Dauer zu bewahren. Hierfür unabdingbar notwendig ist das Wissen über den glaubwürdigen, authentischen Umgang mit Medien.


