Oft erlebe ich, dass Mitarbeiter in Großunternehmen ein relativ banal klingendes Daten-Problem haben, für das sie eine Lösung suchen - aber wenig Hilfe bei der IT finden.
Ein Beispiel: Ein sehr großer internationaler Konsumgüterhersteller kauft Verpackungsmateralien zentral für ganz Europa und für 2 Jahre ein (um gute Einkaufskonditionen zu erhalten). Es müssen ca. 50.000 Materalien (Folien unterschiedlicher Stärke, unterschiedlicher Größe mit unterschiedlichen Aufdrucken) bestellt werden. Dazu bittet man weltweit ca. 200 Anbieter um Preisangebote und trifft dann eine Auswahl und eine Kaufentscheidung. Klingt ganz einfach? Nun hat die Einkaufabteilung so wenig Datenbank-Spezialisten und hat nur eine Idee: 200 Excel-Dateien verschicken und die Rückläufe manuell zu analysieren. Da Excel nur 65000 Zeilen zulässt, war die Analyse vor 2 Jahren ein 3-wöchiger Prozeß für ein Team von 8 Leuten (die primär Daten per copy/paste in neue Spreadsheets kopiert haben).
Das muß doch besser gehen? Die eigene IT schlägt ein Einkaufsportal vor: Webbasiert mit einer Oracle-Datenbank. Sicher eine hochprofessionelle Lösung, aber viel zu teuer für eine Einmalaktion (und niemand will sich heute darauf festlegen, wie die nächste Einkaufsrunde in 2 Jahren durchgeführt wird) und unmöglich in kurzer Zeit umsetzbar. Office-Produkte (Excel und Access) werden von der IT nicht unterstützt und als unprofessionell abgetan - dabei könnte man durch Progarmmierung einer Einleseroutine für die Excel-Files und Erstellung einiger Access-Analysen (in Verbindung mit eine MIni-Schulung in Access) enormen Nutzen stiften.
Warum verpasst die “IT” solche Chancen? Ich glaube, es gibt 2 Klassen von “IT-Aufgaben” in Unternehmen. Eine ist das Erstellen, Warten und Betreiben von unternehmenskritischen EDV-Anwendungen (SAP, Flugbuchungssysteme für Airlines, Steuerungsprogramme für Produktionsroboter, …) die praktisch immer verfügbar sein müssen. Für diese Programme sind detaillierte Konzeption, Dokumentation, Grob- und Feinplanung, ausführliche Testphasen, … unerlässlich.
Gleichzeitig gibt es eine Vielzahl von Anwenderproblemen, die Ad-Hoc gelöst werden müssen und nur wenig mehr IT-Know-How benötigen, als der Benutzer hat (Man denke an ein kleines Excel-Makro, das automatisch Daten aus zwei verschiedenen Quellen abgleicht) aber enormes Potential hat (ein halber Tag Programmierung spart jede Woche 8 Stunden manueller Arbeit). Wenn nicht zufällig jemand in der jeweilgen Abteilung “IT-affin” genug ist und sich selbst Wissen angeeignet hat (was aber mangels Ausbildung und Erfahrung oft nur zu einer besseren aber nicht guten Lösung führt), gibt es keinen Ansprechpartner in Unternehmen.
Vielleicht ist es gewollt, dass “die IT” das zu ihren Aufgaben zählt - da das aber nicht klar kommuniziert ist (Was ist Aufgabe der “IT”?), erwarten die Benutzer Unterstützung für Ihre Probleme - und werden frustriert. Vielleicht fehlt in einem Unternehmen einfach nur eine 2.Abteilung “User-Problem solving”, die - unabhängig von IT-Strategie - die drängenden Nöte der Benutzer aufgreift und pragamatisch adressiert?
E2E
Torpedo, SRAM und Fichtel und Sachs
21.10.08
Als Fahrradfahrer fasziniert mich Unternehmens-Biologie besonders dann, wenn es um klassisches Fahrradzubehör geht!
Als Jugendlicher hatte ich 2 wunderschöne Räder. Das erste war ein Rad der Marke Falter. Es war ein Deutsches Markenrad, ich habe es geliebt, weil es die Farben des Regenbogens hatte. Während des WM-Endspiels England - Deutschland (4 : 2) im Jahre 1966 wurde es aus unserem Radkeller gestohlen. Zweifaches Entsetzen. Der Schmerz war groß, über die deutsche Niederlage und über den Verlust meines Fahrrads. Ohne Fahrrad war schlimm, die totale Immobilität.
Dankenswerterweise bekam ich von meinen Eltern ein Ersatzrad geschenkt, das auch ein deutsches Markenrad war (allerdings in schlichtem Grün, die Marke weiß ich nicht mehr). Dies war noch drei Jahre im Dauerdienst und wurde dann in den vorläufigen Ruhestand versetzt, die Automania hatte mich in Form eines schwarz-weiß gestreiften Käfers erfasst. Wieder ausgemottet wurde das Rad erst bei der ersten Energiekrise. Nach längerer Zeit als Nur-Autofahrer habe ich an einem der autofreien Sonntage entdeckt, wie schön Radeln doch wieder sein kann. Ich kann mich noch gut an die leicht schneebedeckten Autobahnen ohne Autos erinnern. Das war das einzige Mal, dass ich auf einer Autobahn in Deutschland geradelt bin. War ein tolles Gefühl, autofreie Sonntage sollte man zumindest alle vier Wochen wieder einführen.
Gemeinsam hatten meine Räder, dass sie eine Torpedo-Dreigangschaltung von Fichtel & Sachs hatten. Die gibt es heute nicht mehr, deshalb habe ich ein wenig recherchiert:
Fichtel & Sachs wurde am 1. August 1895 gegründet. In unserer Jugendzeit war Fichtel & Sachs der Inbegriff für Nabenschaltungen. Jeder kannte Schweinfurt. Wenn wir als Kinder mit dem Zug durch den Bahnhof Schweinfurt gefahren sind, wussten wir, dass hier die Schaltungen gebaut wurden, die wir an unseren Rädern hatten.
1997 wurden die Fahrradkomponenten der deutschen Sachs an SRAM verkauft. SRAM ist ein amerikanisches Unternehmen für Fahrradkomponenten mit Sitz in Chicago. SRAM wurde 1987 (also 102 Jahre nach Fichtel & Sachs) gegründet. Die europäische Konzernzentrale von SRAM befindet sich in den Niederlanden, die asiatische in Taiwan. Nach schwerem Start hat sich SRAM nach der Übernahme der deutschen Sachs gut entwickelt.
Für mich ist der Verkauf von Sachs Fahrradkomponenten an SRAM ein gutes Beispiel für eine unternehmerisch vielleicht auf kurze Sicht nachvollziehbare aber langfristig gesamtwirtschaftlich falsche Entscheidung. Sicher wurde in Deutschland 1997 das Geschäft mit Fahrradschaltungen als uninteressant und wenig zukunftsträchtig bewertet. Außerdem war es kleinteilig und bestimmt nicht geeignet, hohe Umsatz- und Rendite-Visionen zu beflügeln. Also hat es gestört und musste weg. Aber es war ein verlässliches Geschäft mit langfristiger Perspektive, das Know-How von fast einem Jahrhundert steckte im Unternehmen. Dass der Käufer ein amerikanisches Unternehmen war, das erst 10 Jahre vorher gegründet wurde und noch gar nicht so toll lief, finde ich auch nicht so gut.
Für den Nabenschaltungsfan gibt es aber einen Trost. 1986 wurde Rohloff von einem jungen Ehepaar gegründet. Das kleine Unternehmen verdiente sein Geld lange Jahre mit der Herstellung von hochwertigen Fahrradketten und später mit einem Kettennietwerkzeug namens Revolver. 1996 tat es einen mutigen Schritt nach vorne: eine über Jahre entwickelte neue Nabenschaltung war endlich serienreif (siehe die Chronik von Rohloff). Es gibt nur einen Wermutstropfen: Eine Rohloff-Schaltung kostet (ohne Fahrrad) so in Richtung 1.000 EURO. Bei Utopia ist z.B. der Aufpreis für eine Rohloff-Schaltung zu einer SRAM27-Gang DualDrive beim London exakt 750 Euro. Trotzdem ist die Rohloff ein Renner geworden. Ich nehme an, dass die Entwicklung der Rohloff-Schaltung eine typische Entscheidung war, wie sie nur mittelständische Unternehmen treffen können. Wahrscheinlich wurde sie aus dem laufenden Geschäft finanziert und in der Freizeit der Unternehmer entwickelt. Keine Bank hätte die Entwicklung einer Nabenschaltung mit einem Zielpreis von über 1.500 DM finanziert.
Der Vollständigkeit will ich hier auch noch die Nummer 1 erwähnen:
Shimano wurde als Shimano Iron Works 1921 gegründet. Die Japaner haben ihr Geschäft fleißig ausgebaut (und sind nicht verkauft worden wie Sachs). Shimano ist das “Microsoft” in der Welt der Fahrradkomponenten. Wahrscheinlich hat Sachs auch wegen der Dominanz von Shimano seine Fahrradkomponenten verkauft.
Und natürlich muss auch die Firma erwähnt werden, die unsere Radrennfahrer-Herzen höher schlagen hat lassen, deren Schaltungen für uns aber unerreichbar waren: Campagnolo wurde 1933 durch Tullio Campagnolo gegründet. Campagnola stattet heute seine Produkte zwar zum Teil auch mit Shimano-Komponenten aus (seine Laufräder mit Naben von Shimano …), hat aber nach meinem Wissen bis heute seine Eigenständigkeit bewahrt.
RMD
Die nächste Veranstaltung im IF-Forum der InterFace AG wird am
Donnerstag, 13. November 2008
ab 17:00 in Neuperlach (München) stattfinden.
IF-Forum findet dreimal im Jahr statt. Im IF-Forum treffen sich Kunden, Partner, Mitarbeiter und Freunde der InterFace AG. Unsere Gäste kommen aus Wirtschaft, Forschung, Technik und Politik. Im Mittelpunkt eines jeden IF-Forums steht ein kompetenter Referent, der zu einem aktuellem Thema berichtet. Nach dem Vortrag findet ein zwangloses Dinner in entspannter Atmosphäre statt, das von unseren Gästen regelmäßig zu einem anregenden Gedankenaustausch genutzt wird. Oft entwickeln sich sehr spannende Diskussionen.
Nach den Vorträgen von Herrn Dr. Simon Grand (RISE St. Gallen) im Frühjahr und Herrn Dr. Klaus-Jürgen Grün (PhilKoll Frankfurt) ist dies der dritte und letzte Vortrag im IF-Forum des Jahres 2008. Im Februar 2009 planen wir die Reihe mit einem Vortrag von Herrn Heribert Prantl fortzusetzen.
Als Referent für den 13. November konnten wir Herrn Jörg Schindler gewinnen. Herr Schindler ist Geschäftsführer der Ludwig-Bölkow-Systemtechnik GmbH (http://www.lbst.de/). LBST ist der strategische Berater für nachhaltige Energie- und Verkehrssysteme.
Herr Schindler wird in seinem Vortrag verschiedene Themen kritisch untersuchen und eine Reihe zentraler Fragen beantworten:
- Peak Oil ” ist jetzt! Wir erleben gerade einen singulären Strukturbruch.
- Was ist die künftige Rolle der übrigen fossilen/nuklearen Energieträger (Kohle, Erdgas, Uran)?
- Was erwartet uns? In den nächsten 2 Jahrzehnten beginnt die Transition in ein postfossiles Zeitalter.
- Wie kann eine Zukunft ohne fossile Energieträger aussehen? Die Folgen für Lebensstile, Wirtschaft und Mobilität.
Herr Schindler versteht es wie kein zweiter, diese zentralen Themen wissenschaftlich begründet und ohne ideologische Ambitionen objektiv und spannend zu berichten.
Die Plätze bei IF-Forum sind begrenzt, die Einladungen erfolgen persönlich. Wenn Sie an einer Teilnahme interessent sind, bitte ich Sie, sich an Carola Muck (carola.muck@interface-ag.de) oder mich (roland.duerre@interface-ag.de) zu wenden.
RMD
Natürliches und Übernatürliches
29.09.08
Die Bereitschaft zur Unwissenheit - Ein Nachwort zur Papst-Euphorie
Wahrheitsfreunde
In seinem berühmten Dialog Über Religion legt Arthur Schopenhauer dem Wahrheitsfreund Philalethes die folgenden Worte in den Mund: „Denn, du weißt es, die Religionen sind wie die Leuchtwürmer: sie bedürfen der Dunkelheit um zu leuchten. Ein gewisser Grad allgemeiner Unwissenheit ist die Bedingung aller Religionen, ist das Element, in welchem allein sie leben können. Sobald hingegen Astronomie, Naturwissenschaft, Geologie, Geschichte, Länder- und Völkerkunde ihr Licht allgemein verbreiten und endlich gar die Philosophie zum Worte kommen darf…“ Betrachten wir einmal das Bündnis der katholischen Kirche mit der Unwissenheit des Volkes und fragen uns, ob auch die katholische Religion noch heute auf jenen „gewissen Grad an allgemeiner Unwissenheit“ setzt und ob wir es uns heute in einem von Pisa-Studien gebeutelten Bildungsklima noch leisten können, mit Absicht Unwissenheit zu verbreiten?
Das Verwischen von Spuren der Wissenschaft ist nach wie vor eine wirkungsvolle Strategie, um den Weg zum Glauben rein zu halten. Die Strategie der Gelehrten der katholischen Kirche hat sich in ihrer zweitausendjährigen Geschichte nicht verändert und beruht auf der einen Voraussetzung: Die Aussagen des Glaubens, die Verkündigungen der Offenbarung werden als Aussagen mit mindestens demselben Wahrheitswert betrachtet, wie Aussagen über unsere natürliche Welt. Ja, es wird überdies vorausgesetzt, dass die zu glaubenden Wahrheiten leichter zu haben sind, als die Wahrheiten, die Wissenschaft mühsam erarbeiten muss.
Religion und Magie
Die Gegenstände der Religion - vor allem diejenigen der katholischen Christen (Jungfrauengeburt, Wunderheilung, das leere Grab, Auferstehung des Fleisches, Transmutaton von Wein in Blut sowie von Brot in Fleisch und vieles mehr) - sind jedoch nicht von derselben Qualität wie die Gegenstände unseres alltäglichen Lebens. Damit katholische Lehre wirken kann, muss sie von jedem Gläubigen erwarten, dass er diese übernatürlichen Wahrheiten nicht mit demselben Maß misst, wie die natürlichen Wahrheiten, und dass er das Maß für übernatürliche Wahrheiten für wichtiger hält. Besser noch ist es, wenn der Gläubige den Unterschied vollkommen verwischt.
Glänzende Geschäfte reichen nicht!
18.09.08
Massenentlassungen trotz hoher Gewinne. Wo Wirtschaft unredlich wird!
Wir sollen uns nicht daran gewöhnen, wenn Vorstandsvorsitzende Stellenabbau und steigende Gewinne in einem Atemzug verkünden. meint unser Autor Ulf D. Posé. Er schaut immer wieder in die Hochglanzbroschüren der Unternehmenswerte und untersucht ihre Leitlinien. Er stellt fest:Theorie und Praxis liegen Lichtjahre auseinander. Immer mehr Menschen werden von Unternehmen nur noch als “human ressource” betrachtet. Die Logik der sozialen Marktwirtschaft aber lautet anders: Je größer der wirtschaftliche Erfolg, desto mehr kann und muss ein Unternehmen tun, um das soziale Miteinander zu optimieren. Hier das Fazit von Ulf Posé, dem Präsident des Ethikverband der Deutschen Wirtschaft (EVW), einem eingetragenen Verein mit 17.500 Mitgliedern (Stand: März 2008).
Wir müssen zwei Dinge auseinanderhalten: Zu verurteilen ist nicht, dass Unternehmen Gewinne machen oder nach solchen streben. Zu kritisieren ist hingegen, unter welchen Umständen manche Unternehmen ihre Gewinne erwirtschaften. Vor allem dann, wenn sie trotz hoher Gewinne Menschen “freisetzen”. Bei hervorragenden Gewinnen, die weit über den Erwartungen liegen, und Eigenkapitalrenditen, die den Branchendurchschnitt weit übersteigen, gleichzeitig Stellenabbau zu betreiben, ist in höchstem Maße unredlich und zeugt von einer Haltung, die den ökonomischen Erfolg absolut setzt. Überdies noch zu behaupten, dies geschehe zur Sicherung des Unternehmensbestandes, ist genauso unredlich, wenn dieser Bestand de facto gar nicht gefährdet ist. mehr »
Medien und Ethik!?
23.08.08
Ist der Ruf erst ruiniert …
… quatscht man völlig ungeniert!
Viele wollen in die Medien, viele Medien wollen die Sensation. Die Folge: Viele betrachten sich als Sensation. Unsinn, sagt unser Autor Ulf D. Posé. Er plädiert für eine neue Medienethik. Sie soll für Manager genauso wie für Journalisten gelten. Im Mittelpunkt stehen wieder mehr Glaubwürdigkeit, Kompetenz und Selbstverantwortung. Leider bleibt dies im harten Mainstream häufig auf der Strecke. Das mediale Hinrichtungsgeschäft macht Henker und Delinquent austauschbar. Manager lügen, Journalisten manipulieren. Und das Publikum steht herum und plappert den Lug und Trug nach.
Verwechsle niemals Öffentlichkeitsarbeit mit Werbung!!
Fangen wir mal ganz von vorne an. Unter Öffentlichkeitsarbeit versteht man ein Instrument, das Vertrauen, Sympathie, ein noch besseres Image aufbauen und erhalten will. Das sollte man nicht mit Werbung verwechseln. Werbung verfolgt absatzpolitischen Interessen. Hier geht es darum, Produkte und Dienstleistungen zu verkaufen, höhere Marktanteile und/oder Erträge zu erzielen. Schon hier zeigt sich, dass Öffentlichkeitsarbeit häufig missbraucht wird, um Werbung zu betreiben. Das Problem dabei: Wer unter falscher Flagge segelt, sollte sich nicht wundern, wenn er unglaubwürdig wirkt. Sinn effizienter Öffentlichkeitsarbeit kann es nur sein, das Vertrauen der Öffentlichkeit zu gewinnen und durch gezielte Aktionen die guten Beziehungen des Unternehmens zur Öffentlichkeit auf Dauer zu bewahren. Hierfür unabdingbar notwendig ist das Wissen über den glaubwürdigen, authentischen Umgang mit Medien.
Marx Dir das!
01.08.08
Schon Aristoteles meinte: „Der redliche Mensch unterscheidet sich vom unredlichen Menschen dadurch, dass der redliche Mensch sagen kann, worüber er spricht.“ Also reden wir einmal Tacheles.
„Leistung muss sich wieder lohnen“, „Gleiches Geld für gleiche Arbeit“, „Wir sind eine Leistungsgesellschaft!“ Das sind alles Sprichwörter, Aussagen, Formulierungen, die unser Denken vernebeln, den Kern nicht mehr treffen und zu aberwitzigen Vorurteilen und Forderungen führen. Und sie sind in hohem Maße unredlich.
Ich möchte nämlich nicht für meine Leistungen bezahlt werden, ich will nicht gleiches Geld für gleiche Arbeit, und für mich soll sich Leistung überhaupt nicht lohnen!
Wir sind schon lange soweit, unseren Lohn nicht mehr für das beziehen zu wollen, was tatsächlich Grundlage unserer Entlohnung ist; und ich befürchte, es ruiniert unseren Staat, das Volkswohl, die Unternehmen. Es liegt nur an einem einzigen Umstand: wir sind im Sinne des Aristoteles unredlich geworden. Wir wissen nicht mehr, was wichtige Begriffe unserer Gesellschaft bedeuten. Wir haben Gefühle zu bestimmten Begriffen, und diese dominieren dann unser Handeln.
Lassen sie es mich an dem Begriff des Leistungsprinzips deutlich machen. Das Leistungsprinzip kennen wir; es ist eine tragende Säule unserer Wirtschaft. Gleichzeitig ist das Leistungsprinzip der Ruin unserer Wirtschaft. Ich gebe es zu, ich bin ein vehementer Gegner des Leistungsprinzips. Bevor Sie sich jetzt aufregen, lassen Sie es mich erklären.
Ethik&Informatik!?
31.07.08
Beim CeDoSIA Summer get together am 31. Juli 2008 durfte ich einen Vortrag zum Thema Ethik und Informatik halten. So war mein Vortrag angekündigt:
Schon in den 70iger Jahren haben systemkritische Geister der Neuzeit gewarnt, dass die Verbreitung der Computer zwangsläufig die Orwell’sche Vision wahr werden lässt. Jetzt stehen wir an der Zeitenwende vom auto-mobilen zum i-mobilen Zeitalter. IT und Informatik sind die dominanten Wirkungskräfte der Gesellschaft geworden. Unsere Zukunft wird davon abhängen, ob die Architekten des neuen Zeitalters - die Informatiker - in der Lage sind, ethisches Verhalten einzuüben.
Hier für die Zuhörer das Manuskript zu meinem Vortrag. Es ist ein wenig länglich. Einige meiner 16 Statements in diesem Vortrag werde ich als Einzelbeiträge ausführlicher in IF-Blog formulieren, so dass eine Lektüre nicht notwendig ist.
Hier geht der Vortrag los!
Als Vorgedanke ein Text von Bertrand Russel, einem britischen Philosoph, Mathematiker und Logiker:
Jeder Zuwachs an Technik bedingt,
wenn damit ein Zuwachs des menschlichen Glücks verbunden sein soll,
einen entsprechenden Zuwachs an Weisheit!
Dieses schöne Zitat habe ich bei einem Vortrag von Prof. Dr. Christoph Wamser vom Institut für Management und Technik der DGMF gehört und gebe es gerne weiter. Bertrand Russel war einer unserer Idole in den 60iger, 70iger und 80iger Jahren des letzten Jahrhunderts.
- Ethik: Ethik bedarf keiner Definition. Ethik steht für sich selbst. Jeder Mensch ist in der Lage, eine Handlung als ethisch oder “unethisch” zu bewerten. Allen Menschen ist bewusst, dass Ethik eine subjektive wie eine objektive Komponente hat. In der Anwendung wie in der Qualität gibt es sicherlich “unterschiedliche Ethiken”, aber alle Ethiken bedürfen eines gemeinsamen Nenners, wie er z.B. in der UN-Charta hinterlegt wurde. Auch über die Grenzen der Kirchen hinaus gibt es Gemeinsamkeiten wie im Biophilie-Gebot (tue keinem das an was du dir nicht selbst angetan haben willst und helfe mit, dass sich Leben in allen Dimensionen entfalten kann).
- Informatik: Der Begriff “Informatik” wurde von einer Gruppe von IT-Pionieren um Professor F. L. Bauer kreiert. Informatik ist ein schlüssiges Wort, wahrscheinlich entstanden als Akronym des Wortes Informationstechnik. Die Informatik umfasst alle Technologien, die den Austausch, die Verbreitung und die Verarbeitung von Informationen und Wissen aller Art betreffen. Die Erfindung des Buchdrucks hat die Welt total verändert und ist frühe Informatik, ebenso wie später Rundfunk und Fernsehen. Mathematische Tabellenwerke, mechanische Rechenmaschinen und der analog funktionierende Rechenstab sind technische Vorläufer der Informatik. Das mobile Zeitalter geht zur Neige. Die Informatik kompensiert die zurückgehende Mobilität. “Informatik” ersetzt “Mobilti(c)k”, das wäre ein Wortspiel, wenn die Pioniere von Auto und Eisen diesen Begriff (der Mobiltechnik) so geprägt hätten. Die Informatik wird die Sozialität der Gesellschaft in den nächsten 100 Jahre beeinflußen, wie die Verkehrstechnologie die letzten 200 Jahre geprägt hat. Wesentliche zivilisatorische Errungenschaften von ähnlicher Tragweite wie die Mobilität und die heutige Informationsvernetzung sind die Erfindung von Ackerbau und Viehzucht, die Nutzung des Feuers in geschlossenen Öfen und Motoren (Dampfmaschine), die Entdeckung der Zeit und der Bau von Zeitmessern (genannt Uhren) ein, vielleicht auch noch Teile der Medizin.
- Belege für die gesellschaftliche Relevanz der Informatik: Hier ein paar Beispiele, welchen Einfluss die Informatik und Informations-Technologien schon heute haben:
- Der unvorstellbar schnelle Aufstieg von Unternehmen der Informationstechnologie wie z.B. Google, Microsoft, Oracel, SAP, Ebay und vielen anderen
- Der Erfolg von utopischen Unternehmensprinzipien wie OpenSource am Beispiel von Linux und der LAMP-Welt oder MySQL
- Das Wirklichkeit werden von völlig neuen kollaborativen Arbeitsmodellen, die z.B. physische Anwesenheit im Projekt unnötig machen.
- Die erfolgreiche Bewältigung von IT-Projekten und Entwicklung von relevanten Software-Systemen, die deutlich komplexer sind als z.B. die Entwicklung eines klassischen PKW
- Das Entstehen neuer Methodiken für Projekte der Softwarentwicklung (Scrum), Organisation und Qualitätssicherung
- Der gesellschaftliche Wandel durch die mobile Nutzung des InternetsEin Beispiel: Früher wurde die Mehrzahl der Ehen in der Eisenbahn, heute im Netz begründet
- Der radikale strukturelle Wandel des geschäftlichen Lebens durch WEB2
- Frühe Diskussionen (I): Bei InterFace fand die erste “Ethik-Diskussion” schon wenige Jahre nach der Gründung 1984 statt. Wir hatten eine junge Mitarbeiterin, eine Doktorin der Mathematik, die heute übrigens an einer Hochschule Mathematik lehrt. Ich nenne sie mal Gabi. Gabi hatte - wie viele junge Menschen damals - eine Sympathie für alternative Lebensformen und wohnte auf einem Bauernhof im Münchner Norden in einer Art Kommune. Gabi war bei InterFace sehr schnell recht erfolgreich. Reziprok zu ihrem Erfolg bei uns im Unternehmen sank ihr Ansehen in ihrer Wohngemeinschaft. Ihre Mitbewohner waren ganz schlicht der Überzeugung, dass der Einsatz von Computern die Verwirklichung eines unmenschlichen Überwachungsstaates im Sinne der Orwell’schen Utopie über kurz und lang bewirken müsste. Und der Geschäftszweck der InterFace war schon damals die Einführung von IT-gestützten Prozessen auch z.B. bei Behörden. Und in einem solchen Unternehmen dürfe man aus ethischen Gründen nicht mitarbeiten, so der Vorwurf gegen Gabi. Gabi war ein Mensch mit idealistischen Grundmotiven, für sie war der permanente Vorwurf der Mitbewohner ein großes Problem - und so entsteht in einem mittelständischen Unternehmen mit freundschaftlichen Strukturen eine ernsthafte ethische Diskussion. Vielleicht hat Gabi zum Teil deswegen später die vielleicht ethisch nicht so bedenkliche mathematische Laufbahn an der Hochschule eingeschlagen.
- Frühe Diskussionen (II): Jahre später flammte die ethische Diskussion im Unternehmen noch heftiger auf. Bei der Entwicklung von sozialen Gesellschaften haben ja die Individuen prinzipiell der Gewalt abgeschworen und den sozialen Systemen, sprich dem Staat das Gewaltmonopol übertragen. Natürlich hat das nie komplett funktioniert, Restbestände von Gewalt blieben bei den Individuen (siehe Gewalt gegen Frauen oder Kindern in der Familie, Schlägereien am Stammtisch …), im wesentlichen war das Gewaltmonopol beim Staat ein großer Fortschritt. Jetzt waren wir mit unserem Produkt CLOU/HIT zum ganz schnellen und IT-unterstützten Generieren von Dokumenten gerade bei den Behörden vertreten, die die Kette des Gewaltmonopols bilden: Polizei - Staatsanwaltschaften - Gerichte - Vollzug - Resozialisierung. Das war einigen Kollegen nicht so ganz recht. Und wie dann die Bundeswehr als nächster Kunde für unser Produkt dazu kommen sollte, dann ging es diesen Leuten zu weit. Darf unser Produkt bei einem Militärgerecht eingesetzt werden, das Unrechtsurteile fällt (damals war die Affäre Filbinger in aller Munde)? Man würde ja auch bei keinem Unternehmen arbeiten, das Tabakwaren oder Minen herstellt.
- Die ethische Diskussion an diesem Beispiel:Vielleicht sollten wir auch heute solche Themen mehr diskutieren. Da würde sich eine für uns in Deutschland schwierige Diskussion entwickeln, immerhin stehen wir weltweit an 3. Stelle der Waffen exportierenden Nationen und allein die Verkäufe in die ärmsten Länder haben wir zuletzt vervierfacht. Aber was soll der Familienvater machen, wenn er z.B. in einer wirtschaftlich schwachen Region lebt und nur die Waffenfabrik Jobs anbietet? Man man denke nur an den Werbespot, der regelmäßig bei den Spielen der Fussball-EM lief (Tore schießen für ein neues Bein für afghanische Minenopfer) und der mich persönlich immer sehr berührt hat. Wir versuchen den Opfern zu helfen, die durch unsere Produkte zu Schaden gekommen sind!?
- “Unethische” Produkte und Ziele: Auch IT-Unternehmen können “unethische” Produkte herstellen. Man denke nur an Software zur Ausspähung oder Kontrolle. Man denke an den RFID-Chip im Blaumann oder an mobile Endgeräte mit NFC (near field connection)! Die Orwell’sche Vision zwingt uns, hier sehr vorsichtig zu sein. Interessant ist auch die aktuelle Diskussion, die entstanden ist, weil Google systematisch drei deutsche Städte filmte. Auf der anderen Seite gibt es die Besorgnis, dass IT-Unternehmen sich aufgrund der Besonderheit des Gutes Software ein Weltmonopol schaffen oder sich besonderes Weltwissen exklusiv aneignen könnten (Microsoft, Google). Auch Ausnahme-Unternehmen der alten Branchen hatten es da schwieriger. CocaCola hat immer PepsiCola und viele kleine Getränkehersteller als Mitwettbewerber. Bei Intel gibt es AMD und weitere Konkurrenten, z.B. Hersteller von Graphikprozessoren. Aber wo stände Microsoft ohne die Konkurrenz der Open-Source-Community?
- Ethik im Unternehmen: Es ist sicher hilfreich, wenn es einem ethischen Unternehmen gelingt, Kundennutzen und sozialen Nutzen zu vereinen. Produkte können einem Unternehmen zu einer Sinngebung verhelfen. Die Berechtigung für die Existenz des Unternehmens ist einfach darstellbar, wenn die Produkte des Unternehmens dem Gemeinwohl dienen. Unternehmen ohne Sinngebung sind jungen und kritischen Mitarbeitern schwer zu vermitteln. Ethik darf nicht nur betrachen, welchen Zweck und welches Ziel ein Unternehmen hat. Ob ein Unternehmen “ethisch funktioniert”, hängt davon ab, wie das Unternehmen “sozial” tickt. Und das ist ein mehrdimensionales Thema. Selbst ein Unternehmen, das so verabscheuungswürdige Produkte wie Minen herstellt, kann als Unternehmen ethisch funktionieren, auch wenn ich mir dies kaum vorstellen kann.
- Ethik und Manager: Manager vergessen oft, dass Unternehmen soziale Systeme sind. Sie sind vom Wesen her näher biologischen Wesen als determiniert funktionierenden Maschinen. Wie gehen die Menschen im Unternehmen mit einander um? Sind die Chefs Systemagenten, deren Selbstverständnis darin besteht, festgelegte Prozesse durchzusetzen und vorgegebene Wachstums- und Ergebnisziele zu erreichen? Werden Mitarbeiter ausschließlich als Mittel zum Zweck gesehen? Sind sie als Ergebnis der Industrialisierung der Arbeitswelt nur noch ein n-Tupel (Vektor) mit technischen Fähigkeiten, das mit einer Leistungs-Ampel versehen ist (Rot bedeutet unterperformant, Orange meint geht so und Grün steht für “den Überperformaner”). Und geht es nur noch darum, den richtigen “Skill” zum richtigen Zeitpunkt an den richtigen Ort zu bringen? Ist das mit Menschenwürde zu vereinbaren? Und schafft es das mittlere Management (seit Sommer 2008 auch als Lehmschicht bezeichnet), das Unternehmen geistig mobil zu halten? Ein funktionaler Führungsstil wird das fachliche und soziale Leben im Unternehmen reduzieren. Gerade bei Informatik-Unternehmen wird dies langfristig zum Schaden auch des Unternehmens sein.Oder sind die Chefs Führungskräfte, die sehr wohl wissen, dass Menschen sehr komplexe Wesen sind, die über ganz differenzierte Werte, Erwartungen, Interessen und Bedürfnisse (Eselsbrücke WEIB) verfügen? Sehen sie sich als Multiplikatoren, deren Aufgabe es ist, fachliches und soziales Leben im Unternehmen zu mehren? Kreativität Können sie zuhören, sind sie im Denken “alterozentriert”? Verstehen sie den Unterschied zwischen einer Gruppe und einem Team. Sind sie in der Lage zu verstehen, dass “richtig” eingesetzte Mitarbeiter zu enormen Wertbeiträgen in der Lage sind. Ist ihnen klar, dass der Begriff “Leistung” kaum zu definieren und “Benchmarking” nur eine sehr trügerische Sicherheit gibt? Wie gehen die Vertreter des Systems mit Partnern, Lieferanten und Kunden um?
- Ethisches Handeln: Ethische Theorien entwickeln und dann mit angelernter Technik in die Praxis umsetzen - das geht nicht. Wir müssen ethisches Handeln im Alltag einüben. Als Voraussetzung müssen wir alte Fähigkeiten neu entwickeln: Die Kunst des Zuhören muss entfaltet werden. Wir müssen wieder lernen, unsere Umgebung achtsam zu beobachten. Und wenn wir als Manager täglich bewusst ethisch handeln, dann entwickelt sich auch die notwendige Sinngebung eines Unternehmens parallel mit dem sonstigen Erfolg. Wahrscheinlich stellen so geführte Unternehmungen Produkte her, die den Kunden einen echten Nutzen bringen.
- Vision: Teams arbeiten an Aufgaben. Ihr Gegner ist das zu lösende Problem, nicht die Menschen im Projekt. Sie konzentrieren sich auf die Herausforderungen der Aufgabe und wollen das Ziel erreichen. Systemische und bürokratische Hindernisse werden schnell aus dem Wege geräumt. Sinnvolle Regeln werden aus Einsicht eingehalten. Die Mitarbeiter wählen die Aufgaben, die sie übernehmen selber aus und stimmen sie im Team ab. - Jeder macht das, was er am besten kann.- Weiterbildung folgt dem eigenen Interesse.- Motivation ist intrinsisch begründet.- Alle Entwickler sind gleichzeitig Nutzer.- Der Kundennutzen wird selbst erlebt.- Die Organisationen ist einfach und klar.- Die Projektarbeit folgt eindeutigen Regeln.- Die Ziele sind transparent.- Der Erfolg der Arbeit wird fair geteilt.
- Vertrauenskultur: Können wir nicht in unseren Projekten fachlich präsent und leistungsstark sein, dies auch ohne persönliche Anwesenheit? Jeder im Team arbeitet im gemeinsamen Vertrauen, dass alle Teammitglieder ihre Aufgaben genauso motiviert und zuverlässig erfüllen. Täglich wird neues Vertrauen aufgebaut, es entwickelt sich eine Vertrauenskultur. Diese Vertrauenskultur ist in vielen OpenSource-Projekten vorhanden, sie hat den Erfolg dieser Entwicklungsgemeinschaften begründet. In der OpenSource-Welt ist die oben beschriebene Vision Realität geworden. Die aktuell sehr beliebte Methode “SCRUM” lebt auch von Vertrauenskultur. Und der RFID-Chip im Blaumann ist es nicht …
- NGO’s: Neue Kräfte werden in Politik und Gesellschaft wirksam. NGO’s (non governement organisation) wie Greenpeace, AI, Attac … spielen immer wichtigere Rollen in Gesellschaft und Politik. In Entwicklungsländern bringen sie oft mehr konkrete Hilfe für die Menschen als die nationalen Regierungen, ihr Ansehen ist dementsprechend höher. Um erfolgreich zu sein, müssen sie Abstand zu Politik und Wirtschaft halten. Die großen OpenSource-Produkte waren oder sind NGO-ähnlich. Wie würden wir die Welt ohne die großen OpenSource-Initiativen heute dastehen? Vielleicht werden Vereine wie der CCC (Chaos Computer Club) die nächsten wichtigen NGO’s des Informatik-Zeitalters.
- Zeitenwende: Sind wir fähig, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen? Die Einführung des Automobils hat verheerende Schäden angerichtet. Noch nie zuvor ist für eine Technologie soviel Umwelt geopfert worden. Der Blutzoll war und ist hoch. Allein in Deutschland sterben immer noch jedes Jahr mehr als 5000 Menschen durch die “automobile” Gesellschaft. Das sind mehr Verluste als die deutsche Wehrmacht im 1. Jahr des 2. Weltkriegs hatte. Die Amerikanische Streitmacht im Irak hatte in den 5 Jahren vom Beginn des Krieges bis zum Juli 2008 “nur” einen Blutzoll von 4000 Menschen zu beklagen. Vor einem Jahrzehnt waren sogar 10.000 automobile Opfer und mehr pro Jahr in Deutschland. Hätte man da nicht als verantwortlicher Entwickler früher Weichen stellen können oder gar müssen? Wie schaffen wir es als Informatiker, durch kluges Mitdenken und ethisches Handeln, andere aber wahrscheinlich ähnlich gravierende Fehlentwicklungen zu vermeiden? Meine Sorge gilt hier nicht nur den “virtuellen gated communities”.
- “gated communitiy”: Das ist ein ursprünglich positiv besetzter Begriff aus den USA: Eine (bessere) Wohngegend wird eingezäunt, Zugang und Zufahrt zentralisiert und kontrolliert. Als erwünschte Folge lebt es sich innerhalb der Zäune sicherer. Das ist sicher notwendig in einem Land, in dem jeder Schusswaffen besitzen darf und dies zu mehr als 30.000 Toten im Jahr führt. Aber ist das die Gesellschaft die wir uns wünschen? Ich bin ein Gegner von “eingezäunten Gesellschaften”. Schon als Kind wird - zu unserem Besten - unsere Freiheit im Kindergarten begrenzt. Schulen sollen eingezäunt und kontrolliert werden, die Hochschule der Bundeswehr ist es schon. Auch die Townships in Südafrika und Westberlin waren “gated communities”, wenn das für manche auch vorteilhaft war, so war das sicher kein schöner Zustand. Wie ich zur Siemens AG kam, war ich in der Hofmannstraße, einer eindeutig “gated community”. Neuperlach war Vision und Hoffnung: Hier sollte ein Forschungspark nach amerikanischen Muster entstehen, ohne Zäune aber mit integrierten Kindergärten, Geschäften, Cafés und Restaurants. Leider hat sich schon damals die Angst vor dem Terror durchgesetzt. Auslöser war wahrscheinlich der Mord am Forschungsleiter der Siemens AG, Kurt Beckurtz. Und so entstand eine weitere “gated community” - wie ich meine zu unser aller Schaden. In der neuen IT-Welt werden wir von virtuellen “gated communities” bedroht. Totalitäre Staaten kontrollieren ihre Bürger bei der Nutzung des Internets und schränken diesen systemgerecht ein. Private Unternehmen bauen technologische Zäune in ihre Software ein um Konkurrenten auszugrenzen. Andere entwickeln Wissens-Monopole. Staatliche Organisationen von demokratischen Staate sind bereit zur elektronischen Ausspähung, fördern sogar anonyme Anzeigen über das Internet (Denunziation), schaffen den transparenten Bürger und erzeugen Zäune der Angst und des Misstrauens. Unternehmen meinen, Sicherheitsmaßnahmen bis zum IT-Overkill ausbauen zu müssen, Privatleute sperren aus Angst vor dem Missbrauch durch Hacker ihr WLAN ab. Unser Denken wird von paranoiden Ängsten beherrscht, wir vergessen die realen Risiken, denen wir ganz normal als natürliche biologische Menschen und zusätzlich als Teil einer kompliziert kultivierten Zivilisation ausgesetzt sind. Wir Informatiker haben wirklich eine große Aufgabe vor uns und sind fürwahr verpflichtet uns in Ethik zu üben!
- Appell: Im Bayerischen Rundfunk gibt es eine Sendung “Musik und Politik”. Musiker spielen Jazz für die Demokratie. Ich wünsche mir Informatiker für Demokratie. Musiker sind Künstler, sie handeln mit Emotionen. Musiker sind sehr oft freie “Menschen”. Ihnen gelingt es - vielleicht auch aus Not - sehr oft, ihr Leben in Eigenverantwortung zu führen. Ich wünsche mir Ingenieure für Demokratie. Die Freiheit ist ein hohes Gut - sie ist die Basis für ethisches Handeln. Informatiker sind die Ingenieure der Welt von morgen. Und ich wünsche mir keine Informatiker, die glücklich aber unfrei sind, denn “The greatest enemy of freedom are happy slaves”. Also seien Sie alle frei-denkende Menschen und keine glücklichen Sklaven!
RMD
Australien, eins der Länder mit dem größten CO2-Ausstoß pro Kopf will die Glühlampe verbieten und erwartet durch den Einsatz von Energiesparlampen eine jährlich CO2-Einsparung von 800.000 Tonnen. (Siehe Tagesschau vom 30.7.2008). Bei einem jährlichen Ausstoß von 603 Millionen Tonnen ist das eine Einsparung von 0,13 Prozent!
Dies wird als energiepolitischer Fortschritt gesehen - meines Erachtens keine so bemerkenswerte Einsparung - die Schweiz hat sich angeschlossen und auch ein EU-weites Verbot ab 2010 wird diskutiert. (Ich wüsste gerne, wieviel CO2 verbraucht wird durch all die Flüge zu den dafür nötigen Abstimmungsrunden). Focus entkräftet alle Argumente gegen Energiesparlampen und bei Zitaten wie “Im Vergleich zu Glühlampen, die ihre Wärme im wesentlichen in Wärme umsetzen, 95:5%, geht bei Energiesparlampen viel mehr Energie in Licht und weniger in Wärme, nämlich 20%. Sie werden es merken, wenn sie sie anfassen, sie sind nicht warm.” (gefunden im Deutschlandfunk ) scheint es auch die logische Antwort zu sein.
Die einfachen, ach so logischen Antworten reizen mich oft zum Nachdenken - denn ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Realität oft vielschichtig und kompliziert wird. Die einfachen Antworten erscheinen nicht mehr so einfach, wenn man mehrere Dimensionen betrachtet.
So könnte man überlegen, wann man in unseren Breitengraden am meisten Licht benötigt. Bestimmt nicht in der Sommerzeit, sondern in den langen (kalten) Winternächten. Hier geht dann 95% der eingesetzen Energie verloren! Verloren? Sie wird in Wärme umgesetzt, was aber doch in den kalten Winternächten gar nicht so schlecht ist. Da unsere Heizungen mit Thermostatreglern ausgestattet sind, muß damit die Heizung weniger arbeiten. Somit ist die Netto-Energieeinsparung wohl geringer, sobald man nicht mehr nur die eine Dimension “Licht” betrachtet. Wenn man nun noch berücksichtigt, dass Energiesparlampen aufwändiger in der Produktion sind und wegen giftiger Inhaltsstoffe als Sondermüll entsorgt werden müssen, frage ich mich, ob man wirklich mit neuen Gesetzen und Verordnungen gegen Glühbirnen vorgehen sollte. Oder ist das nur ein Feigenblatt für die Politik, weil es ja auf den ersten Blick so verlockend logisch klingt?
Durch Zufall bin ich in dem Zusammenhang auf das Märchen vom CO2-freien Atomstrom gestoßen. Ohne zu wissen, ob die Aussagen dort wahr sind, mahnt mich auch das wieder daran, die einfachen Antworten zu hinterfragen.
E2E
Brauche ich Office?
27.07.08
RMD’s Frage wer denn Office wirklich braucht , hätte ich gerne spontan mit “Niemand” beantwortet, hielt dann kurz inne und fing an zu überlegen, warum ich dann täglich mit Office arbeite. (Es ist generell empfehlenswert, zu überlegen, bevor man etwas sagen will ;-))
Die Antwort darauf ist relativ einfach: weil all meine Kunden und die meisten Leute, mit denen ich interagiere Office benutzen. Ein Henne-Ei-Problem: Ich (und vielleicht viele andere auch) benutzen ein Produkt, das meines Erachtens seinen Fokus schon längst wegbewegt hat vom Kundennutzen zum Nutzen für Microsoft, weil alle anderen es benutzen.
Und hier muß man wohl ansetzen: Die meisten Privatanwender, die nur selten “Anwendungen” austauschen, Word statt einer Schreibmaschine benutzen, Excel benutzen, weil man damit so schöne Tabellen machen kann (und ich habe auch schon im geschäftlichen Umfeld gesehen, dass Zahlen in einer Spalte mit dem Taschenrechner aufaddiert wurden und die Summe eingetippt wurde) und eine Access-Datenbank erstellen, um ihre CDs zu katalogisieren (die moderne Beschäftigungstherapie als Alternative zum Briefmarkensammeln?), brauchen kein Office - und ganz bestimmt nicht eine aktuelle Version. Schon auf einem Commodore 64 gab es Textverarbeitung, die alles konnte, was 99% der Word-user benutzen - ohne viele MBs an Hauptspeicher zu verschlingen. Für diese Benutzer gibt es eine Fülle an besseren (und billigeren) Tools.
Auch die Ingenieure und Wissenschaftler wissen, welches Tool für sie den besten Nutzen bringt - sobald sie aber Dateien austauschen wollen, hat es enormen Vorteil, sich “einig zu sein” über das Tool.
Dasselbe trifft innerhalb eines großen Unternehmens zu: wenn jede Sekretärin ihr “Lieblings-Textverarbeitungs-Programm” benutzt, dann entsteht enormer Reibungsverlust.
Was ich aber gar nicht nachvollziehen kann: warum brauchen wir alle 2 Jahre eine neue Office-Version (die soviel Resourcen frisst, dass man nur dafür neue Hardware und neue Betriebssysteme braucht, die zu horrenden Kosten auf alle Arbeitsplätze in einem Unternehmen ausgerollt werden müssen). Ein gigantisches Konjunkturprogramm für Microsoft und die Hardware-Industrie? Die Open-Source-Produkte machen existierenden Office-Benutzern den Umstieg leider so schwer, dass die nötige kritische Masse neben Microsoft nur schwer entstehen kann.
Ich gehöre sicher zu den “Power-Nutzern” der Office-Produkte, aber seit Office 2000 (eigentlich auch da schon nicht richtig) gab es keinen wirklichen Fortschritt mehr und die neuen Features sind nicht wirklich nützlich. Ich schätze, dass 99% der Word-User maximal mehrseitige Briefe auf Word schreiben (und keine Ahnung davon haben, dass Fußnoten, automatische Inhaltsverzeichnisse, Serienbriefe, Stichwortverzeichnisse und vieles mehr unterstützt wird.) und dass viel Excel-Benutzer die Zellen nur benutzen, weil sie nicht wissen, dass man auch in Word Tabellen erstellen kann. Niemand, der in Excel Modelle erzeugt, würde auch nur einen cent für die neu eingebaute Rechtschreibhilfe bezahlen (sich aber freuen würden, wenn stattdessen einige Fehler behoben würden). Und wenn man liest, dass Excel 2007 bis zu 1 Million Zeilen und 16000 Spalten unterstützt, weiß man, das nur noch mehr Leute das falsche Tool benutzen werden. Ich hatte einen Kunden, der eine 820-MB-Excel-Datei gebaut hat, die nur noch Probleme machte. Durch intelligentes Redesign (und etwas Erfahrung) konnten wir das auf 6MB bei gleicher Funktionalität reduzieren (die Rechenzeit von 25 Minuten auf Sekunden-Bruchteilen). In solchen Fällen nur das Kaliber der Waffe zu erhöhen, kann nicht die Lösung sein.
Deshalb: wenn Unternehmen statt Millionen in neue Software und Hardware lieber in Ausbildung ihrer Mitarbeiter investieren würden, dann könnten diese auch mit “veralteter” Software all ihre Probleme lösen.
E2E


